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Countryside

Rem Koolhaas - Ich würde mich gerne auf die Beziehung zwischen Architektur und Digitalem konzentrieren. Als ich 1995 das erste Mal nach Lagos reiste, habe ich nach Spuren gesucht, wie diese total dysfunktionale Stadt als Prototyp für eine Art Selbstorganisation gelten kann. Ich habe nach Mustern gesucht, die sich in diesem desorganisierten System wiederholen. Algorithmen. Damals dachte ich zwischen Architektur und Digitalität könnte Unendlichkeit liegen. 15 Jahre später scheint die „Smart City“ das Ergebnis der Engagements zwischen Digital, Architektur und Urbanismus. Ein zentralisiertes System, kontrolliert durch digitale Mittel. Langweilig. Diese digitalen Sensorik führen in unserer Wahrnehmung zu einer Erosion des urbanen Lebens als Ort unerwarteter Begegnungen und Abenteuern. Wie konnte das passieren?

Transformative Radikalität

findet man nur auf dem Land.

Städte decken jedenfalls nur 2 % der Weltoberfläche ab. Das Land 98 %. Wie funktioniert der Rest der Welt außerhalb der urbanen Ballungszentren? Was sind die digitalen Effekte auf das Landleben? Die Vermessung der Welt hat in der Landwirtschaft zu einem neuen Wissenstand geführt. Der Traktor ist ein digitales, exekutives Büro geworden, das der Bauer von seinem Laptop aus in seinem Arbeitszimmer steuert. Eine Intensivierung durch eine Maschinen Armada, die 24 Stunden am Tag arbeitet, ersetzt die Bauernfolklore. In den USA schiebt sie sich so eine technologische Armee bereits im Jahreszyklus von Süden nach Norden. Diese transformative Radikalität findet man nur auf dem Land. Im Übrigen findet man in diesem ruralen Korridor (Route 281) auch die meisten Trump Wähler.

Das Menschsein wird hier zu 

hier zu einem seltsam regressiven Zustand.

Ein anderer Ort des Umbruchs ist der Tahoe Reno Industrial Park. Hier zeichnen sich bedeutende Korrelationen mit den Innovationen des benachbarten Silicon Valleys ab. Es ist ein sehr schönes, jungfräuliches Terrain, auf dem zunehmend rechteckige, voll automatisierte, mechanische Rechtecke entstehen. Gewächshäuser mit 2 Kilometer Länge und 800 Meter Breite. Als Architekt ist man fassungslos angesichts dieser Proliferation von Rechtecken. In dieser Maschinenwelt sind Menschen sehr selten und eher ein Sicherheitsrisiko, das man wieder mit digitalen Mitteln kontrollieren muss. Das Menschsein wird hier zu einem seltsam regressiven Zustand. Dennoch und deswegen würde ich vorschlagen, dass Architektur diese Welt artikulieren soll und durch kleine Modifizierungen auch wieder einen Raum für den Menschen erobert, der durch das Technologieprimat derzeit nicht eingeplant ist.

 

HUO - Was für einen Effekt hat das auf Migration? Du sagst, dass Dörfer seit dem Exodus Richtung Stadt teilweise durch neue Gruppen reanimiert werden?

 

Rem Koolhaas - Teil meines Countryside Projekts ist auch Europa. Mit Niklas Maak untersuchen wir in Deutschland, angesichts der sehr ungleichen Bevölkerungsverteilung hinsichtlich der neuen Bundesländer, ob und wie Flüchtlingsströme gerade dorthin geführt werden. Dabei sind wir auf einige sehr paradoxe Situationen gestoßen. Vielleicht kann die Flüchtlingskrise verlassene Landstriche reanimieren, sofern man bessere policies fände, auch um die Fremdenfeindlichkeit zu schwächen?

 

HUO – Das Countryside Projekt begann in der Schweiz. Das Engadin war während meiner kindischen Rebellion ein Unort, gegen den man protestieren musste, wenn die Eltern dort auf Sommerfrische wollten. Dank dir und Gerhard Richter habe ich mich inzwischen mit den Bergen ausgesöhnt und bin oft dort. Wie kam es dazu, dass dein globales Projekt dort seinen Anfang nahm?

 

Rem Koolhaas - Die Eltern meiner Freundin haben dort ein Haus. Seit den Neunzigern bin ich dort hingefahren. Über die Jahre konnte man unglaubliche Veränderungen feststellen. Die Dorfbevölkerung wurde kleiner und kleiner und viele Häuser im Zentrum waren verlassen. Dennoch wuchs die Siedlungsfläche während der Geruch von Kuhmist verschwand. Endlich traf ich einen einmal vermeintlichen Bauern, in typischer Folklore gekleidet. Als wir ins Gespräch kamen, stellte sich heraus, dass er ein pensionierter Nuklearwissenschaftler aus Frankfurt war.

 

HUO - Wann immer du eines dieser großen Projekte anpackst, bringst du einen multidisziplinären Pool an Leuten zusammen. Wie bei DLD. Ich habe vor Kurzem an einem zwölfstündigen Treffen in Amsterdam teilgenommen. Dabei kam immer wieder das Thema Klimawandel auf. Ich zitiere Dich: „Es ist klar, dass sich die enormen Effekte der Erderwärmung, das Auftauen des Permafrosts und die Desertifikation zum Beispiel, vor Allem auf dem Land manifestieren und Teile der Welt in eine bessere und andere Teile der Welt in eine schlechtere Lagen versetzen werden.“

 

Rem Koolhaas - Ich muss zugeben, dass ich mit meiner Obsession für die Stadt das Land beinah systematisch vernachlässigt habe. Gerade durchlaufe ich eine substantielle Veränderung. Und meine Reisen nach Sibirien haben mir wirklich die Augen geöffnet.

Ich muss zugeben, dass ich mit meiner Obsession für die Stadt das Land beinah systematisch vernachlässigt habe.

In Zeiten der UDSSR hatte Aeroflot 260 Reiseziele abgedeckt. Unter Bedingungen der freien Marktwirtschaft wurde diese Anzahl auf 60 reduziert. 200 Orte wurden vom Netz genommen! Global führt das zu einem faszinierenden Phänomen. In den USA werden große Landstriche in eine hochfuturistische Richtung gestoßen, während große Teile der UDSSR in die andere Richtung driften. Wenn man dann noch bedenkt, dass dort das Verschwinden des Permafrosts das Fundament der regionalen Zivilisation zerstört, erkennt man wie radikal Klimawandel ist.