Habt
ihr
hier
in
Deutschland
auch
einen
Trump?

Der kanadische Schriftsteller und Bildhauer Douglas Coupland hat seit dem 28. September eine Einzelausstellung in der Villa Stuck. Wir trafen den Meister der (visuellen) Sprache und Kurator Samuel Saelesmaker im Garten des Museums. Ein Gespräch über Neotribalism, Donald Trump und den Algorithmus Douglas Coupland.

In der Ausstellung „Bit Rot“ in der Villa Stuck sieht man neben eigenen Werken auch Teile deiner Sammlung und Dinge, die Dich inspirieren. Wie kam es zu der Herangehensweise, das Universum Coupland zusammenzutragen?

 

Douglas Coupland: Ich habe einen Schokoriegel gekauft. Als ich ihn öffnete, stand auf dem goldenen Aluminiumpapier: Du hast eine Show im Witte de With Museum.

 

Samuel Saelemakers: So gestalten wir immer unser Programm. Wir nennen es „The golden chocolate wrapper“. Nein, also Daphne und ich haben über Douglas gesprochen. Ohne, dass er es wusste. Er stand auf unserer beiden Wunschzettel. Sie hat sich dann an Douglas gewandt.

 

Douglas Coupland: Wir haben auf dem iPhone gefacetimet. So hat sie mein Haus gesehen und scheinbar Gefallen an meinen persönlichen Dingen gefunden. So entstand die Idee, meine eigenen Arbeiten gemeinsam mit meiner Sammlung auszustellen.

 

Samuel Saelemakers: Die Idee war, den Mindscape Douglas Coupland zusammenzutragen. Die parallelen Stränge des Visuellen und Wörtern, wie er Ähnliches in unterschiedlichen Medien behandelt, faszinierte uns. Douglas macht das auf brillante Weise. Es sind wirklich zwei Seiten derselben Münze: der gegenwärtigen Stand der Dinge.

 

Douglas Coupland: Das Kontemporäre. Eine sehr gute Art, die Zukunft zu verstehen, ist es, zwanzig Jahre in die Vergangenheit zu gehen, und die Unterschiede zwischen jetzt und damals zu untersuchen. Die großen Poster in der Ausstellung sind zum Beispiel alle so gestaltet, dass jemand im Jahr 1980 Nichts verstehen und einfach nur „What the fuck“ sagen würde. Dieser Vergleich hat Momentum und bringt einem die Zukunft näher.

 

Slogans wie „I miss my pre-internet brain.“

 

Douglas Coupland: Genau. Ich habe in den 80er Jahren Typographie studiert. Das war noch vor der Personal Computing Revolution. Mit Setzkästen. Habt ihr das jemals benutzt? Es war zwar ein großartiges Training – Swiss Modern School – aber so primitiv. Witzig war, dass es im Francis Fukuyama Stil vermittelt wurde: das ist das Ende, die höchste natürliche Evolutionsstufe der Typographie. Es war eine negative Haltung. Als wäre man an in einer Sackgasse gelandet. Aber allgemein explodieren die Dinge immer dann und werden revolutioniert. Alles in Allem war es die letzte gute Dekade: die meisten großen Probleme des 20. Jahrhunderts nahmen sich eine Auszeit. 9/11 war noch weit weg. Und dann sagt Francis Fukuyama, neoliberale Demokratien sind der Endzustand der Menschheit. Und Boom, schon kam Al-Quaida daher. Aber genug dazu. Samuel, wo steht die Kunstwelt derzeit?

 

Samuel Saelemakers: Sie ist komplett fragmentiert. Etwas passiert hier. Und in allen anderen Feldern. Ich nenne es „New Tribalism“. Die universelle Idee, dass die Menschheit zusammenkommt, ist offensichtlich gescheitert. Alles was bleibt ist, dass jeder sein eigenes Territorium markiert. Es werden wieder mehr Schützengräben ausgehoben als zugeschüttet. Aber es ist schon ok. Innerhalb seines Stammes kann man aufblühen und seine Identität stärken.

 

Douglas Coupland: Welche Kräfte treiben diese Entwicklung voran? Atomisierung und Reformierung in neuen Gruppen?

 

Samuel Saelemakers: Ich denke, eine Menge Enttäuschung von den Versprechen der Globalisierung spielt eine wesentliche Rolle. Aus westeuropäischer Sicht sagt man sich, ok, jetzt sind wir hier gelandet, werden die Globalisierung nicht mehr los und zahlen einen hohen Preis dafür. Natürlich hat der globale Süden einen höheren Preis bezahlt, aber ideologisch haben wir einiges verloren. Die Werte der Aufklärung werden diffus. Leute mischen ideologische Prinzipien mehr und mehr, um eine exklusive Formel zu finden, die für sie funktioniert.

 

Genau das passiert auch in der politischen Sphäre.

 

Samuel Saelemakers: Exakt. Brexit ist ein perfektes Beispiel dafür.

 

Douglas Coupland: Und was ist mit Autoritäten? Sind Museen in der Kunstwelt noch immer der Evaluationsmechanismus?

 

Samuel Saelemakers: Kanonisierung ist ein endloses Problem, dem man sich nicht mehr verdächtig machen will. Die Kunstwelt dreht sich derzeit auch sehr schnell. Durch die Fragmentierung beginnen Museen superjunge Künstler auszustellen, während kleine Galerien verdiente, alte Künstler zeigen. Der traditionelle Weg ist ein stückweit aus dem Gleichgewicht geraten. Das ist per se keine schlechte Sache, aber viele Museen enttäuschen mich mehr und mehr. Sie vernachlässigen die akademisch saubere, wissenschaftliche Abbildung auf objektiven Grundlagen. Sie sind derzeit mehr umgetrieben, das Neue, Tolle nicht zu verpassen.

 

Das ist ja postfaktisch!

 

Douglas Coupland: Das ist Trump! Diesen Montag ist die Debatte, vermutlich das größte Fernsehereignis der amerikanischen Geschichte. Hillary wird ein solides Programm vortragen. Trump wird dann so was wie, „Hillary, people just don’t like you!“ sagen. Hoffentlich landet sie nicht in einem Sauerstoffzelt. Was für eine Sauerei. Habt ihr hier in Deutschland auch einen Trump?

 

So arg ist es noch nicht. Aber Donald Trump hat deutsche Vorfahren.

 

Douglas Coupland: Oh really? Trumpf? Dann ist es also Deutschlands Schuld! (lacht)

 

Hat das Aufkommen dieses Politikstils auch etwas mit der Digitalisierung und Social Media zu tun? Manch Zusammenhang ist handfest. Palmer Luckey, Facebook Milliardär und Occulus Rift Gründer, finanziert eine Kampagne, die negative Memes zu Hillary entwirft. Das ist wirklich virtuelle Realität!

 

Douglas Coupland: Tatsächlich! Dieses Silicon Valley ist aber auch konservativer als man denkt.

 

Samuel Saelemakers: Ja. Warum assoziieren wir überhaupt Technologie mit progressivem Denken?

 

Douglas Coupland: Da geht es ganz einfach nur um Geld. Die Leute, die ich aus diesem Teil der Welt kenne, sind ungefähr zu drei Vierteln Republikaner. Und dann Konferenzen wie TED, das ultimative Homogenisierungssystem. Ein gutes Beispiel für einen exklusiven Stamm. Auf der anderen Seite, sind die meisten Leute diesen neuen Technologien gegenüber ziemlich passiv. Wenn selbst Bill Gates den Browser oder die mobilen Geräte nicht kommen gesehen hat, wer dann? Die menschliche Entwicklung endet nicht mit dem iPhone. In zwei bis drei Jahren wird es wahrscheinlich obsolet sein. Dieser Sinn der Unvermeidbarkeit durchdringt die Tech-Culture. Und mit dieser Annahme gehen Gier und Gelegenheiten einher.

 

Samuel Saelemakers: Es ist interessant, wie diese jüngere Geschichte romantisiert wird. Obwohl sie ihre Spuren gut verwischen und so tun, als gäbe es keine. Ein neues iPhone ist auf dem Markt. Vergesst das Alte!

 

Douglas Coupland: Ich habe den Steve Jobs Film gesehen. Das war seltsam. Alles passiert am Tag der Produktvorstellung. So kapitalistisch. Als er dann dem Tode geweiht ist, wird das Puzzle besonders schmalzig.

 

Samuel Saelemakers: Deine Arbeiten greifen die Auswirkungen von neuer Technologie auf. Nicht als Geek, sondern mit dem Blick auf deren Effekte auf visuelle Kultur, Sprache und Bild-Ökonomie. Das ist auch wichtig für die Ausstellung in der Villa Stuck: Alles ist in Bildern ausgedrückt. Deine Slogans sind Bilder. Das gilt auch für die Hängung: sie wirkt beinah wie das Ergebnis einer Google Suche. Im Bit Rot Katalog befindet sich auch der Essay „An App Called You“. Ein Mindmapping Werkzeug. Die „App Called You“ soll die persönlichen Bilddateien verarbeiten und organisieren. Die Ausstellung „Bit Rot“ ist letztlich der subjektive Kunstalgorithmus „Douglas Coupland“.

 

Douglas Coupland: Mit dieser Technik könnte man das Leben eines beliebigen Unbekannten mindmappen und dann in einer großen Museumsfläche ausstellen. Der Unbekannte sammelt zum Beispiel Eulen. Und dann all die Fotos auf seinem iPhone. Fotos, die er sicher nie ausdrucken, wahrscheinlich nicht einmal ansehen wird. Die tollste Ausstellung wäre allerdings „The Horder House Show“. Ein Messy hortet und stapelt Dinge in seiner Wohnung. Vom Boden zur Decke. Dann stirbt er. Er hatte sieben Zimmer. Also beschäftigen sich sieben Künstler damit, mit welcher Strategie sie ihr jeweiliges Zimmer aufarbeiten. Ethisch und gesundheitlich ist sie leider quasi undurchführbar.

 

Der Douglas Coupland Algorithmus führte auch dazu, dass der Rauschenberg auch in der Villa Stuck um die Ecke gehangen wurde. Wie bei Ihnen zu Hause. Und anders als vom Künstler beabsichtigt.

 

Douglas Coupland: Ja. Nun gut, mein Haus ist kleiner als dieses Museum, also hängt bei mir alles etwas enger aneinander. Was ich nicht verstehen kann, sind diese Minimalisten. Auf der anderen Seite sammeln sie doch: Raum, etwas Unsichtbares. Sie sind also Horderers of Space. Sammelt ihr Schuhe?

 

Nein, das ist so was von Generation X!

 

Douglas Coupland: Ich war bei einem Bekannten und bin durch Zufall auf seine Turnschuhsammlung gestoßen. 200 Paar unbenutzte Schuhe in Kartons. Angeblich gibt es diese Menschen überall.

 

Ja, manche kaufen zwei Paar, eines zum Tragen und das Andere wird abfotografiert und in der Originalverpackung ins Regal gestellt.

 

Douglas Coupland: Das ist das Beste aus beiden Welten: den Kuchen aufheben und den Kuchen essen.

 

Eine gute Methode des Sammelns. Um wieder auf deine Ausstellung zurückzukommen, nach welchem Muster sammelst Du?

 

Douglas Coupland: Der Drang zu Sammeln drückt etwas sehr Intimes aus, das so an die Oberfläche tritt. Es überspringt das Bewusstsein, erst im Nachhinein erkennt man an seiner Sammlung, wie einzelne Punkte sich verbinden lassen. Zum Beispiel das Foto aus dem Charles Manson Prozess, das Foto der Columbine Cafeteria oder die sich prügelnden Parlamentarier. Zusammen sprechen sie plötzlich eine klare Sprache: Oh hey, Du bist wirklich sehr am politischen Theater interessiert. Tod und Zerstörung scheinen mich auch sehr zu faszinieren. Langsam werde ich mir – durch das Sichtbarwerden mittels des Sammeltriebs – dessen Gewahr und konzentriere mich darauf. Ich glaube auch, dass das, was einem im Alter zwischen neun und vierzehn am Meisten verstört hat, die Dinge sind, zu denen man im späteren Leben immer wieder zurückkehrt. Um sie zu beherrschen oder zumindest zu neutralisieren. Ich mag diese Party Frage: Welcher Film hat dich mit elf oder zwölf völlig aus der Bahn geworfen?

 

Funny Games. Die zwei jungen Österreicher, die am Wolfgangssee eine Familie in ihrem Ferienhaus gefangen nehmen und ohne Motiv nach und nach brutal ermorden. Meine Eltern haben ein ähnliches Feriendomizil. Einmal, viele Jahre später, habe ich dort gerade Grass geraucht, als die Nachbarn klingelten. Ich konnte vor lauter Angst die Tür nicht aufmachen.

 

Douglas Coupland (lacht): Dann wirst du bald anfangen, Kunst zu sammeln, die sich mit Paranoia und Einbrechern beschäftigt.

 

Samuel Saelemakers: Eine sehr bourgeoise Angst.

 

Douglas Coupland: Yeah, das stimmt. Andy Warhol sagte einst, reiche Leute haben interessantere Probleme.

Lukas Kubina

Mehr Informationen zur Ausstellung Bit Rot in der Villa Stuck finden sie hier!