The
Amazing
Klaus
Voormann.

Der "Fünfte Beatle" über Wohnen, Stresemann Hosen und alte Gerüchte.

Als er den Raum betritt, greift er sich den Bass in der Ecke. Leider stellt er ihn zurück, bevor wir mit ihm einen Hit produzieren könnten. Kaffee oder Tee? Er lächelt. „Eine Tasse Blut“. Seine Tochter Ruscha, die für uns ein gutes Wort eingelegt hat und ihn begleitet, trinkt Kaffee. Ob er schon ausgefragt ist? Mag sein, aber uns traut er einen anderen Ansatz zu. Nicht dauernd nur Beatles und Fragen wie „Was für ein Typ war John Lennon eigentlich?“ Oh boy. Das war unsere Einstiegsfrage. Nun gut, starten wir also anders. Ein Gespräch mit Klaus Voormann.

Du warst Mitbewohner von Ringo Starr und George Harrisson, wer hat da gespült?

Jeder hat seine Tasse selber gespült. Die Fish Fingers wurden in der Pfanne gebraten, Cornflakes, schwarzer Tee. Englisch, also erst die Milch rein.

Wie sah es da aus?

Leer, keine Dekoration, kein Bild an der Wand. Gar nix. Die waren ständig unterwegs und hatten gar keine Zeit eine Wohnung zu gestalten. Zu der Zeit machten sie den „Hard Day’s Night“ Film. Der Chauffeur hatte zwei Chandeliers gekauft, die er in der Küche auf den Tisch stellte. Ab dann hat Ringo beim Teetrinken seinen kleinen Finger abgespreizt.

Davor haben alle vier zusammengewohnt?

Ja, das war die Idee des Managements. Brian Epstein wird das wohl organisiert haben. Das ist aber bei vielen so. In Elvis’ Bachelor Haus war auch nix drin.

Heute sagt man dazu „Minimalismus“.

Oh ja. Die Liverpooler würden es „tatty“ nennen. Da war kein Stil. Daran hatten sie auch null Interesse. Die Einrichtung hätte man nicht einmal auf dem Flohmarkt verkaufen können.

Die Beatles waren nicht nur Musik. Der bunte Kosmos der 60er Jahre wurde mitgeprägt. Man würde sich das Epizentrum, die Wohnung, eher so stilbildend vorstellen wie den Film „Yellow Submarine“.

Sie hatten eine Plattenfirma und ein Studio. Das waren die Zentren. Beides waren Arbeitsplätze. Bei EMI im Studio, hatte man das Gefühl, in einen Bunker zu gehen. Niemand hat an Stil gedacht. Es musste funktionsfähig sein. Erst als Ringo und George auszogen, haben sie ihren eigenen Stil entwickelt.

Haben sie sich dann auch auseinander gelebt?

Genau. So ist das mit dem älter werden. George war sehr Indien orientiert. Und Mareika von „The Fool“, einer zigeunermäßigen Psychodelicband, hat ihm den runden Kamin in Regenbogen Farben mit Sternen angemalt. Ein bisschen wie Roncalli. Nur nicht so geschmackvoll.

Hast du auch mit LSD experimentiert?

Später ja, aber bei denen habe ich nicht so mitgezogen. Zu dieser Zeit war ich aber  viel in Kontakt mit ihnen. Als ich John in Weybridge besucht habe, war er voll auf einem Trip. Ich hab mir das gerne angeguckt. Ich war auch ja in einer Band. Manfred Mann. Das war ein Wahnsinnsunterschied. Was wir gemacht haben war schon sehr Mickey Mouse im Verhältnis zu dem, was die Jungs geleistet haben. Ob das “Strawberry Fields Forever” oder “A Day In A Life” war, sagenhaft.

Hast du mitbekommen, wie ihre damals Alben entstanden sind? Zu viert beim Jammen?

Das hat sich Stück für Stück entwickelt. Zu der Zeit von Revolver haben sie vieles nicht im Studio entwickelt, sondern kamen schon mit einem guten Konzept. Allerdings jeder für sich. Bei „Sergeant Pepper“ haben sie noch sehr viel Zeit im Studio verbracht. Noch einen smoken und das ganze Ding im Studio kreieren. Georg Martin war die ganze Zeit geduldig dabei, und wartete, ob sich Georg nun ein Gitarrensolo ausdenkt. Der war kein freier Gitarrist wie Eric Clapton, der einfach Soli spielt, sondern er musste sich Note für Note vorarbeiten. Das dauerte und dauerte, die anderen saßen daneben, hingen im Stuhl und rauchten noch eine Zigarette und tranken noch ne Tasse Tee.

Du bist ja eigentlich bildender Künstler. Wie bist du zur Musik gekommen?

Ich habe als Kind klassisch Klavier gespielt. Das war meine Grundlage. Dann habe ich mit meinem Freund Chicho in Teneriffa klassisch Gitarre spielen gelernt. Weil er nur Spanisch sprach, konnte ich mich mit dem zwar kaum unterhalten, aber er konnte toll spielen und unterrichten. Später war Bass spielen dann ein Kinderspiel.

Zunächst hast du aber als Grafiker gearbeitet?

Erst beim Hamburger Abendblatt. Ein Freund der Familie, Heinz Kiessling, hatte Kontakte zum Westermann Verlag und machte dort Illustration. Ich habe bei ihm gewohnt und er hat mich gleich mitarbeiten lassen. Dann war ich in der Meisterschule für Mode. Dort war er Dozent. Ich konnte machen, was ich wollte. Dort habe ich Reinhard Wolf kennengelernt. Ein toller Fotograf. Das war die Ablösung. Der hatte den Geschmack, der zur Zeit passte, und wurde mein Mentor. Sein Geld hat er mit Werbung verdient. Die schönen Sachen hat er so gemacht.

Später ging ich nach Düsseldorf. Zu „Elegante Welt“ und „Er“. Das waren zwei Zeitschriften, die en vogue waren. Sie wollten gerne so wie „Esquire“ und „Vogue“ sein. Dazu hat es natürlich gefehlt, aber „Elegante Welt“ ist schon ein toller Name (lacht). Da habe ich Layouts gemacht.

Mit dem Skalpell.

Und zwar wie. Einen Buchstaben in die Zeile bringen, alles zusammenschieben, Gummilösung hinten drauf. Ach hör bloß auf! Dann kam ich zurück nach Hamburg, endlich, und habe bei „Kristall“, die wollten eine Art „Paris Match“ sein, und der Werbeabteilung des Verlags Hörzu gearbeitet. Immer noch mit dem Skalpell.

Zu der Zeit warst du das Cool Kid in Hamburg und die unbekannten Beatles haben deinen Stil kopiert?

Das war die Astrid Kirchherr, Reinhart Wolf, Jürgen Vollmer Clique. Stresemann Hose, schwarze Weste, weißes Hemd oder schwarzen Rollkragenpullover und langen Schal. Das war unsere Uniform. So latschten wir überall rum und haben es in die Klubs reingetragen. Das war für Alle erstmal ein Schock und wir dachten uns, die werden uns jetzt verprügeln, weil wir nicht wie die Rockers aussahen. Am Ende haben uns die Rockers dann aber sogar beschützt.

Stresemann Hose, schwarze Weste, weißes Hemd oder schwarzen Rollkragenpullover und langen Schal. Das war unsere Uniform.

Waren die Rocker von damals wie die Rockerbanden heute, so mit Harley Davidson und gewaltbereit?

Na ja, die hatten höchstens so kleine Mopeds. Aber heftige Jungs waren sie schon. Aber vor Allem wollten sie tanzen gehen. Die Beatles wurden von einem Macher nach Hamburg geholt, der drei Klubs besaß. Das „Indra“ bei der großen Freiheit, das „Bambi-Kino“, wo sie gewohnt haben und der „Kaiserkeller“, da habe ich die Beatles das erste Mal spielen hören.

Ein König der Reeperbahn.

Ja, der hatte schon sein Feld und war ein unangenehmer Typ. Die haben ganz schlimm gelebt. Menschenunwürdig. Aber sie waren heilfroh und kriegten für ihre Verhältnisse gut bezahlt. Mit dem Klub „Top Ten“ auf der Reeperbahn wurde es dann besser.

Wie war es für vier junge Engländer in Deutschland zu spielen, fünfzehn Jahre nach dem 2. Weltkrieg, umgeben von potentiellen Altnazis?

Ja ja ja. Das war ein Problem. Es gab ein Restaurant, das „Cha-gou“, da gingen auch die Kriegsversehrten hin. Paul war das peinlich, wenn die ihr Holzbein in die Ecke stellten. John hat auf der Bühne Hitlerwitze losgelassen. Sie haben sich daraus auch eine Gaudi gemacht. Das Volk, das in den Klubs war, waren alle junge Leute, die selbst mit dem Krieg wenig zu tun hatten…

und die Positionen des Protests eingenommen haben. Sowohl die Rocker als auch… Was wäre der richtige Genre Begriff für euren Stil?

Uns nannten sie „Exis“. Aber wir waren in keinster Weise Existentialisten. Wir haben uns nicht politisch engagiert. Und auch nicht philosophisch. Wir wollten einfach nur unseren Spaß haben.

Was machst du heute?

Zu guter Letzt bin ich wegen meiner Frau Christina hier in München gelandet. Ich bin nicht mehr als Musiker tätig, aber immer noch als Grafikdesigner. Hauptsächlich Artwork für internationale Künstler  z.B für Noel Gallagher, Woody Allen. Aber auch für Printmedien u.a. für Rolling Stone, Der Spiegel und ZEIT-Magazin. Neulich habe ich auch für MAD Magazin Alfred Neumann gezeichnet.

Habt ihre beide, deine Tochter Ruscha und Klaus, schon mal zusammen gearbeitet?

Ruscha: Ja, erst letztes Jahr haben wir das Buch „Birth Of An Icon – Revolver 50“ zusammen rausgebracht. Papa hatte schon lange die Idee, eine Graphic Novel über die Entstehung des Revolver Covers zu machen. Das Kernstück ist die Graphic Novel, drum herum werden viele Geschichten erzählt z.B.  aus der Hamburg Zeit. Neben Gastbeiträgen, u.a. von Paul und Ringo, hat meine Mutter alle Texte geschrieben und war für das Gesamtkonzept  und dessen Umsetzung verantwortlich. Das Layout hab ich gemacht. Das ist bisher das einzige Projekt das wir von Anfang bis Ende gemeinsam gemacht haben. Aber wir arbeiten schon öfter zusammen. Wenn ich male, sitzt er daneben und guckt zu.

Klaus: Wir tauschen uns aus. Sie schickt mir ihre Arbeit und antworte gnadenlos. Das ist aber ne Grütze, das kannst du in der Pfeife rauchen! Aber umgekehrt auch: wenn ich begeistert bin, dann sage ich ihr das auch.

Ruscha: Als wir die Graphic Novel gemacht haben, waren wir geschmacklich auf einem Nenner. Auch was Musik betrifft. Im Atelier waren Nicolas Jaars Songs unser Soundtrack. Später hat Nicolas die Texte korrigiert.

Was gefällt dir aktuell in der deutschen Musik?

Niels Frahm. Acid Pauli. Ich kenne nur das, was Ruscha mir vorspielt. Selbst recherchiere ich nicht viel.

Aber wenn du ein Album Cover machst, hörst du es dir an?

Ja das mache ich schon. Ich lasse mir ordentlich Fotos schicken, so viele wie sie haben, damit ich einen Überblick gewinne. Je nach Musik Stil, entwickle ich ein Konzept und erarbeite Skizzen.

Gibt es ein Lied, das dir besonders gut gefällt?

Es kommt darauf an, was ich an dem Lied besonders gut finde. Da gibt es verschiedene Kategorien: Achievement, Verkanntsein, eine Neuerung. Ich finde die Stones toll. Deren Blues ist mein Ding. Bei den Beatles ist es auch das Vielseitige. Zum Beispiel „I am a Walruss.“ Manches ist musikalisch toll, anderes emotional. Natürlich liegen mir auch Stücke besonders am Herzen, auf denen ich gespielt habe. Ob das nun „All things must pass “ oder „Jealous Guy“ ist. Die sind alleine wegen der Erinnerungen meine Lieblinge. Oder wenn du so ein Stück wie „Da Da Da“ auf der Schippe hast. Du bist dabei es zu produzieren und versuchst es so hinzukriegen, als wäre es ganz einfach…

Hattest du schon während der Produktion das Gefühl, dass das Lied durchschlägt?

Ja.

Was war denn das wirkliche Komplizierte bei dem Lied?

Na ja, man hat versucht, nichts falsch zu machen. Stefan Remmler, der Sänger, war sehr genau und wollte alles bis zum letzten ausgetüftelt und stimmig haben. Das ist auch gut so. Aber auch sehr zeitaufwendig. Tausend verschiedene Gittarenriffs später hat Kralle, der Gitarrist, wieder alles umgeschmissen und sich was Neues ausgedacht. Das passte dann endlich. Dann haben wir entmistet und am Ende stand das halbe Schlagzeug, die Gitarre und dann das Casio VL-1.

Reduzierter geht’s gar nicht! War das eine Reaktion auf die Neue Deutsche Welle?

Zumindest würde ich sie nicht zur NDL zählen. Immer wenn der Text nicht funktionierte, hat TRIO auf Englisch gesungen. Das fand ich schlau. Wir haben ja eine ganze LP gemacht, bevor „Da Da Da“ auf dem Bildschirm war.

Es war Avantgarde. Eigentlich Dadaismus.

Ich finde die Neue Deutsche Welle richtig gut. Joachim Witt, Rheingold, der Plan. Alle super. Ich fand sogar Fräulein Menke gut. Mir hat gefallen, dass die Deutschen für ihre Sprache endlich eine Ausdrucksform gefunden haben. Die erste Popkultur aus Deutschland. Was Rammstein heute macht, ist nicht weit weg von Joachim Witt. Die rauchige, eckige, zackige Sprache. Auf der ersten LP hatte er einen Effekt auf allen Spuren. Damit sie auch ja nichts verpassen, haben Plattenfirmen zu der Zeit 20 Acts pro Woche gesigned. So wurde die Neue Deutsche Welle regelrecht begraben. Das hätte weiter existieren müssen. Nicht Maffei und Westernhagen.

Dein Blick als stark seelenbehafteter Musiker auf die elektronische Musik, bei der ganz viel am Computer entsteht?

Das ist genauso, wie wenn ein schlechter Musiker nichts mit seinem Instrument anfangen kann. Wenn du wirklich weißt, wie du den Computer betätigst, kannst du die tollsten Sachen machen. Mit den ersten Programmen haben sie die Spuren falsch auf die Takte gelegt. Schon landest du in der ganzen Disko Ära. Das Ohr des Zuhörers hat sich damit auch verändert.

In einem Hamburger Hinterzimmer sitzen Udo Lindenberg, Karl Lagerfeld und Klaus Voormann, worüber sprechen sie?

Wahrscheinlich über Mode. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Karl Lagerfeld da ruhig sitzen würde und sich etwas über Musik anhört.

Wie gut warst du als Bassist?

Wollt ihr, dass ich euch erkläre, was gutes Bass spielen bedeutet. Ach, da gibt es so viele Nuancen. Richard McBride spielt sagenhaft Kontrabass, technisch gut, die richtigen Noten zur richtigen Zeit. Ich bin nur ein halber Bassspieler. Ich habe nie Noten gelesen und kann nicht nach ihnen spielen. Schon beim klassischen Klavier habe ich alles mit dem Ohr gemacht. Die Noten waren maximal eine Erinnerungsstütze, ich hatte alles im Kopf und in den Fingern. Automatisch habe ich meine eigenen Versionen gespielt.

Hast du eher improvisiert oder versucht, Bestehendes zu perfektionieren?

In dem Fall die Perfektion des Bestehenden. Das Interesse am Improvisieren fing mit Chet Baker’s Soli an. Auch heute kann ich dir die noch vorsingen. Bass Soli gibt ohnehin kaum. Jaco Pastorius oder wie sie alle heißen, die haben das gemacht. Aber ich wollte das nicht, ich wollte unterstützend sein, und wenn es wichtig war, dass der Bass nach vorne geht, dann habe ich das auch gespielt. Der größte Teil war aber sehr simpel.

Am wichtigsten ist das Zusammenspiel zwischen Schlagzeug und Bass?

Richtig. Aber wenn du die Motown Sachen nimmst und analysierst, was James Jamerson gespielt hat, diese fließenden Bassgeschichten, die gleichzeitig so auf den Punkt sind, kapierst du, dass man die nur mit einer großen Backing Band spielen kann. Alle zusammen haben so toll gespielt. Sobald James Jamerson dann in anderer Umgebung mit anderen Musikern gespielt hat, ist er sofort abgesackt.

Mit welchen Leuten hast du den Gleichklang am Besten gespürt?

Mit Ringo spielen war toll, Jim Keltner als Schlagzeuger. Verschiedene Gitarristen in Los Angeles, Larry Carlton usw.

Du warst sehr viel im Studio. Wie ist das Verhältnis zur Bühne?

90% Studio. Es hat mir auch mehr Spaß gemacht, Stücke zu entwickeln. Damals wurden einem keine Charts vor die Nase gehalten und jemand sagte dir, wie es gemacht werden musste. Es war immer so, dass der Musiker sich an sein Instrument gesetzt hat und sein Stück vortrug. Danach sagte er, „bitte die Herrschaften, jetzt arrangiert euch mal.“ Dann begann die Arbeit, Dinge zu ergänzen und zu verändern.

Vor kurzem haben wir die Roadies der Rolling Stones beim Biertrinken in München gesehen. Tolle Kerle. Wie hast du das Rockleben auf der Straße erlebt?

Mit Manfred Mann waren wir unterwegs, von Schweden bis nach Italien. Ein, zwei Roadies waren da auch dabei. Garnitur Hafenarbeiter von den Londoner Docks. Die haben Spaß gemacht. Aber das war damals nichts im Vergleich mit heute. Ein Van voll mit den Verstärkern, der Rest wurde gestellt. Tagsüber gefahren, Soundcheck, auf die Bühne und dann in die Pension.

Könnte man sich die Beatles auch noch auf der Bühne vorstellen, so wie die Stones?

Die alten Herrschaften (schmunzelt). Ne ne, die waren ja keine Mucker. John nicht, George schon gar nicht.

Du bist ja ganz knapp am Weltruhm vorbeigeschrammt, wärst du gern berühmter gewesen?

Ne. Das hat mich nicht interessiert.

Wenn sich das Gerücht mit „The Ladders“ bewahrheitet hätte, wäre es unausweichlich geworden.

Ich hätte den Jungs gleich gesagt, Jungs, das funktioniert nicht. Ohne Paul könnt ihr das vergessen. Ich glaube auch nicht, dass ich es gemacht hätte. Selbst wenn sie mich gefragt hätten.

Wie ist das Gerücht dann entstanden?

Ringo hat das als Quatsch erzählt.

Gibt es noch ein paar Sachen zum geraderücken?

Zum Beispiel, dass Yoko die Band auseinandergebracht hat. Das ist nicht fair. Sie ist eine unheimlich inspirierende und feinfühlige Person und kann mit Medien nicht umgehen. Das hat ihr diesen Flair eingebracht. Da konnte sie nichts gegen machen und wurde zur Hexe. Damit muss sie leben. Für die Jungs, wie Ringo, war es nicht einfach als John mit Yoko zusammenkam. Als John ihm erklärte, dass er mit Yoko eins ist, hat er es langsam kapiert. John hat den Halt gebraucht, den Yoko ihm gegeben hat. Klar hat sie viele Fehler gemacht. Und sie kennt kein Lampenfieber. Damit konnten die Leute damals nichts anfangen. Heute verstehen sie allmählich „Why Not“ von der Plastic Ono LP. Ein tolles, skurilles Stück. Nur für die Leute, die Yellow Submarine mochten, war es nicht zu verstehen. Die Beatles hatten ähnliche Probleme aber schon vorher. Sie haben sich von LP zu LP gesteigert. Bei „Tommorrow Never Knows“ zwitschern Vögel und komische Geräusche durchziehen den Song. Soll das das Publikum jetzt kaufen? Brian Epstein hat sich beinah in die Hose gemacht.

Hat man sich nicht irgendwann die künstlerische Freiheit erkämpft, zu machen, was man will?

Nein, es geht meistens ums verkaufen. Nicht mal die Beatles. Natürlich können sich Leute mit einem großen Namen mehr leisten und ein Wagnis eingehen, aber es muss irgendwie eine Verbindung da sein. Dennoch habe ich bei den Jungs gemerkt, dass sie bei allem, was sie gemacht haben, Spaß hatten. Da gibt es genügend Bands, bei denen es anders ist und die sich ein Rezept erarbeiten. Bei Manfred Mann kommt erst die Flöte, die Orgel, dann die Gitarre und schließlich die hohe Stimme von Graham Nash. So haben wir mit der Manfred Mann Band sieben Hits hintereinander gehabt. Die Beatles haben immer was Neues gemacht, immer einen Schritt weiter. Hier kommt dann die Angst rein, das Publikum zu verlieren. Es ging also nicht nur darum, Avantgarde zu sein, sondern auch seine Fans am Zügel zu halten. John’s erstes Soloalbum „Plastic Ono Band“ war damals kein Erfolg.

Da hat er sein Publikum verloren.

Genau. Aber es war ihm scheißegal, weil er Yoko hatte. Er konnte gar nicht darauf warten, keinen Beatles Vertrag mehr zu haben. Dann konnte er selber rumschreien und jodeln, wie es ihm Spaß machte.

Du hast mit den Einzelnen viele Solo Projekte gemacht. War es nicht komisch, reden sie dann nicht übereinander?

Erstens hätten sie mich niemals im Studio gehabt, wenn ich nicht ein guter Bassspieler wäre. Das hat sofort funktioniert. Mit Ringo zu spielen ist eine Wonne. Mit George auch, wunderbar. John war auch toll. Paul braucht keinen Bassspieler, kann er ja selber. Gerade in diesen Momenten wurde ich noch mehr Freund.

Haben sie unter der Trennung gelitten?

Die hatten sich schon längst getrennt bevor es aktuell wurde. Es ist die alte Geschichte und hatte nichts mit Frauen zu tun. Vier Charaktere sind auseinander gewachsen. Ringo hätte jederzeit weitergespielt. Aber die anderen haben ihre eigenen Richtungen gefunden. So muss das auch sein, sonst hätten sie niemals diesen Erfolg gehabt. Diese Reibung wurde nur immer reibungsvoller. Schließlich rieben sie sich auf. Die Band hat nur Ringo vermisst. Schon die letzten LPs haben sie alle einzeln im Studio aufgenommen.

Es ist die alte Geschichte und hatte nichts mit Frauen zu tun.

Es gibt dieses schräge Intro bei „You are so vain“, ist dir das so rausgerutscht oder war das von langer Hand geplant?

Ne, lange Hand nicht. Ich las den Text und da wurde mir klar, dass es um einen eitlen Typen geht, der mit seinem Jet um die Welt düst und auf der Yacht sitzt. Also spielte ich was Flashiges.

Wer wurde da von Carly Simon besungen?

Klaus: Keine Ahnung.

Ruscha: Es gibt eine Geschichte dazu. Ein reicher Typ wollte von Carly wissen, wen sie da besungen hat. Sie bot ihm an, es ihm zu verraten, solange er es für sich behält und den Betrag X an eine Hilfsorganisation spendet.

Spielst du noch Musik?

Klaus: Ne, eigentlich nicht. Ich habe ein Instrument mit drei Basssaiten und fünf Gitarrensaiten auf einem Hals entworfen. Das spiele ich ab und zu noch. Eine full-range Gitarre.

Ruscha: Es gibt gar nicht soviel Leute, die sie gut spielen können.

Klaus: Ne, ich auch nicht (lacht).

Woher kommt die Musik, Schwingungen von Außen oder intrinsisch?

Oh Gott, ist das eine Fangfrage (lacht). Es ist ein bisschen Intellekt dabei aber an sich kommt es aus dem Bauch. Die Feinheit zu wissen, an welchem Moment, man ganz kurz ausschweifen könnte. Das ist die Bass Attitüde. Immer auf dem Teppich bleiben. Einfach mal einen Ton weglassen. Manchmal auch, weil ich nicht wusste, welche Tonart es ist (lacht). Dann ist das auf Band und kann nicht mehr korrigiert werden, weil der Rest der Aufnahme so gut war. So war das früher, da gehörten auch Fehler dazu.

Die Branche hat sich geändert. Fehler findet man auf keinen Aufnahmen mehr. Mit dem Plattenverkauf verdient man kaum was. Gleichzeitig hat sich Musik atomisiert. Sowie mit Twitter jeder eine Nachrichtenagentur wurde. Früher gab es Fotografen, jetzt gibt es eine Bilderflut…

Ich weiß nicht. Musik haben sie schon immer gemacht. Und werden sie auch immer machen. Ich freue mich darüber, dass der Computer es den Menschen so einfach macht. Die Guten müssen nur noch den Geschmack entwickeln. Sie müssen kein Musikstudium durchstehen bis sie dann endlich mal was kreieren können. Jeder hat die Chance. Deswegen ist es auch eine ganz andere Auswahl. Früher konnte man die ausgefallenen Sachen nur spätnachts im Radio hören.

Ruscha: Auch der live Musikkonsum. DJs sind Rockstars geworden. Eine echte Band hat umso mehr Magie. Bis hin zum Bühnenbild, das inzwischen für die 10.000 Handys im Publikum gestaltet wird, weil man jetzt das Ganze sieht.

Auf welchem Konzert warst du zuletzt?

Darkside.

Wieder Nicolas Jaar. Woher kommt diese Verbindung, kennst du seinen Vater oder arbeitet ihr zusammen?

Ruscha: Papa und ich haben seine Musik gemeinsam gehört. Nicolas hat dann mit Dave das Projekt „Darkside“ gegründet. Die sind damals durch Deutschland getourt. Über Facebook habe ich lediglich Dave im Namen von Papa und mir Lob ausgesprochen und ihm gesagt, wie toll wir das finden und wie selten es ist, dass wir gemeinsam so intensiv Musik hören. Dave hat sich Zeit gelassen. Dann hat er uns zu einem seiner Gigs in Berlin eingeladen. Zu Nicolas und ihm ist dann ziemlich schnell eine inspirierende Freundschaft entstanden.

Dürfen wir uns auf ein gemeinsames Projekt freuen?

Klaus: Als Nicolas mal bei uns in Tutzing zu Besuch war, bat er mich Bass zu spielen. Also habe ich meine Klampfe rausgeholt und hab dann auf seinen neuen Sachen gespielt. Er fand es toll aber hat es am Ende nicht benutzt. Es hat richtig Spaß gemacht.

Ruscha: Ihm auch. Das war für das Album „Sirens“. In der Produktion war er damals nur schon so fortgeschritten, dass es schwierig war, an diesem Punkt, noch etwas so Wichtiges einzubauen. Ich habe die beiden ja gesehen, es war auf jeden Fall schön und Papa kann es immer noch!   

 

Von Christian Gottwalt und Lukas Kubina