ICH
BIN
NETT

Es war ein Samstag im Herbst. Das Symphonieorchester des bayerischen Rundfunks spielte nachmittags „das schlaue Füchslein“, ein Kinderkonzert, bei dem ich auch war.

Über dem Orchester wurden riesige Zeichnungen projiziert, die ich zu dem Stück gezeichnet hatte. Kinder lachten, Kinder schrien. Ich wurde auf die Bühne geholt und mir wurde ein Blumenstrauß in die Hand gedrückt. Die Kinder klatschten. Dann musste ich schnell in ein Hotel, gleich am Hauptbahnhof um Lars Rutschmann alias Michael Ryan zu treffen. Er ist „der Schweizer Pornokaiser“.

 

Ich sitze in der Lobby herum, muss an die Kinder und das schlaue Füchslein denken, und daran, dass zur selben Zeit Michael einen Stock höher gerade seinem Beruf nachgeht. Dann kommt er. Er und ein schüchternes Mädchen, „magst du gleich ein paar Fotos machen?“ sagt er, also gehen wir hoch und fragt „was sollen wir machen?“ Ich muss leider immer noch an die vielen Kinder, die klassische Musik und den Konzertsaal denken, ich mache ein paar Fotos, dann geht das Mädchen und wir sitzen im Hotelrestaurant. Die Bedienungen sind sehr nett zu Michael Ryan, wissen aber nicht, was er hier immer macht.

(Schweitzer Akkzent) Man merkt den Unterschied zwischen den Frauen, die morgens aufwachen und ficken müssen, weil sie Geld brauchen, und denen die Spaß dran haben, alle paar Wochen mal. Der eben grade haben schon so viele geschrieben, die wollten alle 200 Euro zahlen, aber ich zahle 1000, und da machen die dann schon mit, da würde ich ja auch mitmachen.

 

...und du schreibst die dann an?

 

Nein, die habe ich bei „kauf mich“, das ist einen eigene Nuttenplattform, gefunden.

 

Das Mädchen wusste dann, was auf sie zukommt?

 

Ja und nein, was auf sie zukommt wusste sie nicht, und ob ich nett bin – da musste sie sich drauf verlassen.

 

Was ist mit Rotlicht und schmierigen, ekligen Menschen?

 

Mit dem Rotlicht habe ich gar nichts zu tun. Moderne Pornografie muss nichts mit Prostitution zu tun haben, ich sag ja auch nicht: „Du geile Dreckschlampe, wirst jetzt über den Haufen gefickt“ – wir sind auf Augenhöhe. Ich glaube, die Frauen haben auch ihren Spaß. Ich verstehe es ja bis heute nicht. Klar geht’s ums Ficken. Ich erzähle denen keinen Müll. Ich fahre von Zürich nach München. Mit dem Zug, wissend, dass man da gleich in einem schönen Hotelzimmer mit einer schönen Frau schlafen, am Sonntag zurückfahren und dass ich die 1.000 Euro um ein Vielfaches wieder zurückbekommen werde. Das mache ich über die Internetplattform. Ich mach das alles selber.... 3,4 Schnitte.

 

Was ich absolut nicht leiden kann sind diese Ami Pornos, große Villa, Blondinen, große Titten, Lippenstift, die schreien gleich „Fick mich“. Das ist ja so bekloppt. Und schau dir mal Chasey Lane auf Crystal Meth auf Youtube an. Da bleibt am Ende nicht viel übrig, wenn du dein Geld für Drogen ausgeben musst, um den Job zu schaffen.

 

Wie bist du da eigentlich draufgekommen, Pornos selber machen? Weil dir der liebe Gott einen großen Penis geschenkt hat?

 

Die Faszination. Porno ist ein Tabuthema aber eine lebhafte Industrie. Ich habe mir früher viele Pornos gekauft, hab mich spezialisiert: „Oh, das ist ja dieselbe Villa wie in „Fresh Meat Teil 5“ – dann wollte ich wissen, ob ich einen Franken damit verdienen kann. Die ersten Sachen gibt’s noch, das habe ich in Amsterdam gefilmt – ich habe mir damals eine Seite gebaut und den Film draufgestellt. Irgendwann nach zweieinhalb Monaten kam eine Mail, dass sich das jemand angucken wollte und ich habe 7,99 verdient.

 

Und wie viele schauen sich das heute an?

 

Das ist geheim. Es gibt da ja inzwischen 250 Videos

 

Gab es denn schon mal Frauen, bei denen du dir gedacht hast, „Oh je!“

 

Da muss man eben die Zähne zusammenbeißen, wenn sie optisch OK ist, dann geht das schon, in Berlin, da war mal eine, die sah etwas zu ungesund aus, ein bisschen versoffen, und als die sich ausgezogen hat, und der fischige Geruch hochgekommen ist, da habe ich gesagt, „weißt was, zieh dich an und geh nachhause“.

 

Ja....das Thema Gesundheit?

 

Klar fängt man sich mal einen Pilz ein, das hatte jeder schon mal.

 

Berufsrisiko?

 

Ich drehe z.B. nie mit Berlinerinnen. Wenn du da drehst, dann weißt du, danach hast du was. Ein Kollege aus München meinte, wenn du dort drehst, dann doch gleich mit 10 Mädels an 4 Tagen, denn Siff hast du danach so, oder so. Dann hat sich’s wenigstens gelohnt.

 

Also lieber hier in München?

 

Ja, ist doch schön hier, die Zugfahrt am Bodensee entlang...

 

Und wenn du dann drehst, ist das anstrengend?

 

Wenn du mich fragst, ob ich da Spaß hatte, dann muss ich sagen, ich weiß es nicht. Ich muss mich schon konzentrieren, dann brauch ich noch was für die Vorschau, dann muss ich das so machen, oder noch mal von hinten und vielleicht noch mal so, dass man den Schwanz nicht sieht. Da musst du an viele Sachen denken. Ich weiß danach nicht, ob ich geil war oder nicht.

 

Schon mal vorgekommen, dass Frauen extremer waren als du? Sachen wollten, die du unangenehm findest?

 

Nö.

 

Du arbeitest auch noch für eine Pornofirma, weil du „Spezialist“ bist? Weil du dich so gut auskennst?

 

Ja weil ich nebenbei natürlich viel Zeit habe, ich wollte mich weiterentwickeln. Alleine lernst du auch nicht so viele Leute kennen.

 

Die Szene ist überschaubar? Geht ihr abends kegeln?

 

Oh Gott nein, Privatleben ist Privatleben.

 

Und was machst du da? Bücherlesen? Spazierengehen?

 

Ja, Sofa, Fernsehen, in meinem Regal sind 3000CDs, 2000 Schallplatten, das kann man immer mal ordnen. Verreisen mache ich ja beruflich, ich gehe zu meinen Eltern...

 

Wissen die von deinem Beruf?

 

Ja, die wissen das. Aber auch wenn ich mit meinen Kumpels weggehe, ist das oberste Gebot, dass darüber nicht geredet wird. Klar kommt man manchmal auf das Thema, kommt man ja unter Männern eh, aber es muss in Relation bleiben. Nervt ja auch irgendwie.

 

Denkst du auch ans Alter, wenns da unten nicht mehr so toll ausschaut?

 

Ich mache das jetzt 8 Jahre und bin immer noch nervös. Wenn das zur Routine wird, weiß ich nicht, ob ich das dann noch machen möchte. Ob man dann den Respekt verliert?

 

Schon mal verliebt in eine der Frauen?

 

Ja da gab’s mal eine, die hat ein Zimmermädchen gespielt, die war so toll, in die habe ich mich verliebt, die hatte einen Freund zuhause, aber sie hatte dann leider einen Reitunfall und lag im Spital. Dann hatte sich das Thema erledigt.

 

Erzählen dir die Frauen von ihren Sorgen?

 

Ja klar, je intimer, umso mehr erzählen sie mir. 80% sind psychisch am Anschlag, die laufen auf den letzten Metern...

 

So schlimm?

 

Bei 8 von 10 würde ich am liebsten sagen: „Das ist Scheisse für dich, warum suchst du dir nicht einen anderen Job? Ich hatte bestimmt schon 30 Frauen, die haben geheult. Aber nicht wegen mir. Zwischen dem ersten und dem zweiten Dreh passiert das, wenn eine aber mal zum heulen anfängt dann hast du kaum noch Lust auf Porno.

 

Du machst zwei Drehs?

 

Ja. Zwei mal pro Treffen, vier Stunden das reicht normal. Wenn die hier unten um 14.00 in der Lobby stehen dann sind die um 18.00 wieder hier und wir sind fertig, erst mal reden, duschen, drehen, reden, duschen, drehen.... Grade mache ich nicht soviel...ich bin verliebt, und meiner Freundin geht’s nicht so gut – die hat sich vor 5 Monaten die Brüste machen lassen und eine hat sich entzündet, die mussten sie jetzt entfernen – da hast du nicht so Lust, wenn’s deiner Freundin schlecht geht.

 

Bist du glücklich mit alldem? Wärst du lieber Astronaut, Schaffner z.B.?

 

Ich würde es nicht noch mal machen.

 

Warum denn das?

 

Es legt dir doch zu viele Steine in den Weg, weil es nicht akzeptiert ist. Wenn ich eine Freundin habe, ich könnte dir drei Tage lang erzählen, was das für Dramen sind, wenn ich der erzähle, dass ich Pornos drehe. Ich komm schon an die tollsten Frauen ran, aber sobald du sagst „ich dreh Pornos“ wollen sie dich nur noch als „guten Freund“ oder sagen “ich komme mit deiner Vergangenheit nicht klar“, was soll ich da machen?

 

Vielleicht verdienst du mal irgendwann soviel Geld, dass du nicht mehr arbeiten musst?

 

Wenn ich manchmal traurig oder depressiv bin, dann sage ich mir schon: „Hey, du machst etwas total Außergewöhnliches, etwas Besonderes. Mit meiner Mama habe ich darüber auch schon mal gesprochen. “Warum, mein Junge?“ „Weißt du Mama“, sage ich dann, „wenn ich mal 70 bin und im Alterheim sitze, dann will ich nicht heulen, wenn ich über mein Leben nachdenke. Ich will grinsen, weil ich nicht alles verraten kann.“ Ich lebe heute. Was gestern war...gut, da gibt es vieles was wahrscheinlich richtig Scheiße war, aber ich kann das doch nicht mein Leben lang mit mir rumtragen? Ja, ich freue mich auf heute, auf morgen. Das ist aufregend! Jeder Mann auf der Welt wünscht sich vielleicht einmal, dass er so ein Leben führt. Und ich mache das ja wirklich jeden Tag.

 

Es gibt es wohl auch viele glückliche Männergesichter, die dir bei der Ausübung deines Berufs zusehen?

 

Schätze schon.

 

Gibt es denn auch Frauen, die deinen Job so machen? So eine Art Michaela Ryan?

 

Eher nicht, man will ja verschiedene Frauen sehen, und nicht verschiedene Männer, deshalb muss ich auch gar nicht sonderlich aussehen. Der Schwanz muss eben stehen, und nett bin ich sowieso.

 

Das Interview führte Martin Fengel. Lars Rutschmann hat seinen Job inzwischen an den Nagel gehängt.