Kiki
Smith

im Gespräch mit Petra Giloy-Hirtz

Woher beziehst Du deine Inspiration?

Mh. Das Beste ist sicherlich andere Künstler zu kennen. Sie daheim oder im Studio zu besuchen. Es hilft aber auch in Galerien, ins Museum oder in den Supermarkt zu gehen. Für mich geht es darum, die Welt visuell kennenzulernen und sie zu schätzen. Ich war sehr schlecht in der Schule, ich hatte Schwierigkeiten zu lesen und hatte eine sehr schwere Zeit, zu verstehen, was eigentlich los ist. So habe ich gelernt, zu sehen. Sehen wurde ein großes Vergnügen. Wir leben in einer mörderischen Welt. Aber in unserer Zivilisation gibt es auch diesen absoluten Willen, darzustellen. Als Künstler sind wir Teil dieser Geschichte. Wir sollten achtsam sein und Dinge unserer Vorfahren wiederbeleben. Das ist nicht wirklich eine Antwort auf deine Frage.

Macht nichts. Ich wollte Dich nur zum Reden bringen. Du fühlst dich nicht als Akademikerin, sondern beschreibst dich als intuitive Person?

Jua. Mein Vater war Bildhauer. Er war ein sehr schlauer und gebildeter Mann. Und vor Allem ein guter Künstler. Er und meine Mutter haben uns beigebracht, unserer Intuition zu vertrauen. Und sie als Wissen zu betrachten, das in uns lebt. Ich habe keine Agenda für meine Kunst. Ich hoffe nur, dass sie dort mehr Raum schafft, wo dieser gewöhnlich eingeschränkt ist. Für mich ist Kunst, Erfahrungen zu ermöglichen.

Ist diese Intuition erlernbar? Du hast einmal geträumt, einen Vogel zu befreien. Diesen Traum, und den Vogel aus diesem Traum, hast du in eine Skulptur übertragen. Wie klingt deine innere Stimme, wenn sie dir sagt, diesem Traum eine Arbeit zu widmen?

Ich weiß nicht. Wir sind Ego und Bewusstsein. Ich laufe dahin, wo mich meine innere Stimme hinschickt. Andere Leute sagen, „Gott hat mich veranlasst, das zu tun.“ Ich formuliere es anders: Dinge sind manchmal einfach ersichtlich. Ob es etwas Großartiges ist, was man gesehen hat, eine Form, von der man lernen kann, die man erfahren kann, oder etwas, was man in der Zeitung liest, und die Aufmerksamkeit fesselt. Um etwas zu schaffen, braucht es den Zusammenfluss der physischen Welt, der Materie, die Intention und die Beziehung zu diesem Prozess. Letztes Jahr, Anfang Mai, habe ich vor meinem Haus Löwenzahn fotografiert. Vor einem Monat habe ich die Fotos gesehen und sie auf einen Schal gedruckt. Warum erzähle ich das? Manchmal folgt man seiner Arbeit besser ohne Kompass. So wird man an unerwartete Orte gebracht. Man landet zwar ab und an in einer Sackgasse oder an einem Fleck, wo man nicht sein will, aber andererseits kann ein klarer, einleuchtender Plan in einem totalen Fiasko enden.

 

Kiki Smith, Head with Bird (1994)
© Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Das klingt nach einer wunderbaren Befreiung. Was bedeutete Kunst für dich als junge Frau? Deine Aufmerksamkeit für den weiblichen Körper? Für die Organe, die Körperflüssigkeiten?

Kunst ist ein gutes Vehikel, achtsam, sich seiner selbst bewusst und sich selbst zu werden. Man kann es auch als Linse verstehen, durch die man sich selbst betrachten kann. Ich denke nicht wirklich über das nach, was ich tue, sondern tue es einfach. In der Retroperspektive kann man wahrscheinlich einige Perioden und Muster erkennen, die sich eng an meinem persönlichen Leben bewegen. Also gut. Meine Arbeit und ich verschmelzen ein bisschen.

Und dein Interesse am Körper war so eine Periode!

Jua. Es begann damit, dass ich nach New York zog, um an der Kunstakademie zu studieren. Ich war sehr schüchtern. Gut, ich bin zwar gleich nach dem ersten Date bei Einem einzogen. Aber ich war schüchtern. Um mich zu ermutigen, sagte er immer und immer wieder: „Be an artist!“. Irgendwann wurde ich schwach und dachte mir, na gut, dann bin ich eben eine Künstlerin. Ist ja immerhin ein selbstbestimmter Beruf, oder? Warum nicht? Als erstes wollte ich einen Fisch zeichnen. Also fragte ich ihn, wie man das tut. Er sagte: zeichne ihn von innen nach außen. Ich fing mit Gräten an und hörte mit Schuppen auf. Sieben Jahre später hat mir ein anderer Freund ein Buch über Gray’s Anatomie in die Hand gedrückt. Das zentrale Lehrmaterial aus dem 18. Jahrhundert. Als ich es aufschlug, sah ich Fettzellen und Nerven. Ich bin fett und nervös! So wurde mir klar, dass ich in dieser Richtung malen sollte. Ähnlich wie in der Landschaftsmalerei ist das Sujet „Körper“ unendlich. Ob man es neurotisch oder kulturell angeht, es ist eine Art, etwas aus Sich herauszunehmen und zu untersuchen. Die Resonanz des Körpers betrifft so viele Dinge, ob es die Gesundheitsversorgung oder Architektur ist.

Neben dem Körper sind Naturbeobachtungen ein wesentlicher Bestandteil der Ausstellung. Es fällt auf, dass beide Seiten koexistieren: Leben und Tod.

Muuaa, juuuuaaaaa. Zunächst habe ich Einzeller gezeichnet, dann Systeme, Organismen, dann Haut. Diese Regression führt einen plötzlich zur Figuration. Zwei Jahre nachdem ich als Künstlerin anfing, starb mein Vater. Damit musste ich mich beschäftigen. Ich musste verstehen, warum das „OK“ ist. Leben erwächst aus dem Tod. Es ist der natürlichere Zustand, tot zu sein. Einer nach dem Anderen stirbt. Dann stirbt man selbst. Und vielleicht werden die Leute danach weitersterben. Die Attribute von Tod und Leben interessieren mich sehr, zum Beispiel Frösche im Winterschlaf oder offene Särge.

 

Kiki Smith, Untitled (1995). © Kiki Smith, courtesy Pace Gallery

Toten Tieren wird in deinem Werk ein Denkmal gesetzt. Sollte man diese Arbeiten als Manifest verstehen?

Jua. Als ich von einer Reise aus Deutschland nach Hause kam, fielen Raben tot vom Himmel. Ich bin in New Jersey daheim und hatte das Gefühl, für diese Vögel Verantwortung übernehmen zu müssen. Also habe ich ihnen ein Denkmal gesetzt. Keiner wusste, ob es von Pestiziden, Umweltverschmutzung oder wer weiß was kam. Der plötzliche Tod der Tiere hat mich sehr aufgewühlt.

Ist Deine Kunst ein call-to-action, ein moralischer Impulsgeber?

Jua. Ich reagiere auf manche Dinge. Andere Dinge lasse ich außer Acht. Es gibt schon einen Unterschied zwischen dem engagierten Bürger und der Künstlerin. Klar, manchmal verwebt sich zwar Politisches. Aber es ist nicht unabdingbar.

In Deiner Arbeit schöpfst du aus einer Fülle von Materialien. Was hat es mit dieser Diversität auf sich?

Yeeeeeeaah. Ich bin in einer sehr kargen Umwelt aufgewachsen. Wir arbeiteten erstmal mit Papier und Pappmaché. Wir hatten wenig. Deswegen bin ich sehr fasziniert von dekorativer Kunst. Ich bin ja auch nicht wirklich als Künstlerin ausgebildet. Mein Vater hat mir Einiges beigebracht und für eine kurze Weile bin ich zur art school gegangen. Das Meiste habe ich mir aber in der Praxis beigebracht. Andere Leute lesen lieber, ich mag es, beim Lernen meine Hände schmutzig zu machen. Die Substanz von Materialien, wie man diese manipulieren kann und was sie in verschiedenen Kulturen bedeuten. Man kann sich mit all diesen Aspekten beschäftigen, während man seine Hände reinsteckt. Ich glaube, manche Leute sind einfach so und das hat keine weitere Bedeutung.

Die Vielfalt der Materialien korrespondiert mit der Vielfalt deiner Quellen. Vom Mittelalter, den Ureinwohnern Nordamerikas bis hin zur Art Deco aus den 20er Jahren und der Hippie Kultur.

Mmmmmyeah. Warum nicht? Es ist ja Alles da. Wir leben auf einem Planeten, der reich an Geschichte ist.

Und der feministische Aspekt in Deiner Arbeit. Deine Karriere begann mit deinem Debüt „Life wants to live“ in „The Kitchen“. Schlagzeilen der New York Post über häusliche Gewalt und missbrauchte Frauen, die ihren Angreifer in Notwehr töteten. Du nanntest das eine lebensbejahende Entscheidung.

Ich bin ein direktes Produkt der ersten Frauenbewegung. Nur sehe ich mich nicht als Aktivistin. Die Welt dreht sich aus ihren eigenen Belegen heraus. Ich habe Arbeiten in diese Richtung gemacht aber sie sind das, Belege, keine Kampagnen. In meiner allerersten Arbeit als Künstlerin habe ich mich geprügelt und danach Röntgenbilder gemacht, um mikroskopisch zu zeigen, was das körperlich bedeutet. Ja, ich bin mir sicher, dass diese Notwehr lebensbejahend ist. Jemanden zu stoppen, einen zu verletzen, ist eine gute Sache. Aber ich finde Erste Hilfe interessanter. Darin sollte man sich ausbilden.

Gibt es etwas wie weibliche Ästhetik?

Eigentlich habe ich keine Ahnung. Feminismus ist eine Menschenrechtsfrage. Dafür muss man kämpfen! Um den Respekt für das Leben. Aber es gibt nicht den einen Blick auf Dinge. Das Leben läuft in alle Richtungen und ist nicht notwendig. Die Welt ruht auf Belegen und Notwendigkeiten.

© Marion Vogel (http://www.marion-vogel.de)

 

Kiki Smith, „Procession“, Haus der Kunst, 02.02.18 – 03.06.18.

Kuratiert von Petra Giloy-Hirtz.