Shakespeare, Kanye und wie man ein erfolgreicher Popstar wird.

Ein Chat mit Lars Eidinger

von Marley Fabisiewicz
 

Man hört, Fernsehen ist dein ungeliebtes Medium...

Man darf das nicht falsch verstehen. Ich bin mit Film groß geworden und wollte nie Theaterschauspieler werden. Mein Elternhaus ist nicht wirklich kunstaffin. Als ich das erste mal im Berliner Ensemble war, ging ich schon auf die Schauspielschule. Das hört sich nach Mythenbildung an. Aber es ist wirklich so gewesen. Ich hab das übliche Programm mit der Schule gemacht, Theater des Westens, Grips Theater. Diepgen wollte das Grips damals zumachen, weil er gesagt hat, das ist linksradikal und die Kinder werden da mit den falschen Werten konfrontiert und aufgezogen. Das war richtig Punk. Diese Lieder - “Wir gehen in die Gärten rein und reißen die Mauern ein” und “Deins ist meins” - sind bei mir hängen geblieben. Das war antikapitalistisch. Was mich noch mehr beeindruckt hat, war, dass es gegen das Patriarchat ging. Wenn dein Vater Scheiße ist, musst du ihm das sagen. Oder nur weil der Lehrer das sagt, muss es nicht stimmen. Antiautoritär. Ich glaube, ich bin durchs Grips extrem sozialisiert worden. Ich habe so eine Sehnsucht nach dieser Zeit. Spliff, Palais Schaumburg. Ich finde, da hatte die deutsche Musik auch eine echte Relevanz. Rio Reiser und so. Das war die Zeit, in der die Avantgarde in der Hitparade angekommen ist.

 

Wieso ist diese Avantgarde auf der Strecke geblieben? Es gibt keine wirklichen Stars, die international Anerkennung finden. Seit Fassbinder kam ja nicht mehr viel vom Deutschen Film... What happened?

Die Qualität von Fassbinder war ja, dass er einen völlig neuen Entwurf hatte. Er hat gesagt: “Ich zeige euch jetzt mal, wie man Filme macht”. Das ist auch der große Triumph von Christoph Waltz. Der sagt, ich mach jetzt hier nicht nur in einem Tarantino Film mit. Ich zeige euch, dass ich nicht nur auf eurem Niveau mitspiele, sondern, dass ich noch eine Klasse besser bin als ihr alle. Das ist eine wichtige Einstellung. Eine gewisse Unabhängigkeit und Autonomie als Künstler. Fassbinder hat Filme gemacht, so was hat man früher nie gesehen. Sobald die Deutschen anfangen nach amerikanischem Vorbild Filme zu machen, bleiben sie immer dahinter zurück. Das einzige, was in Deutschland in jüngster Vergangenheit erfolgreich war, war die Berliner Schule. Ich vermisse die Radikalität aus den 80ern. Das Lärmige, die Einstürzenden Neubauten. Man spürt den medialen Druck.

Die Leute haben alle Schiss aufs Maul zu kriegen.

Alle verstummen oder geben konformes Zeug von sich, um nicht anzuecken. Selbst Meryl Streep, die fast unangreifbar ist, sagt “Wir leben in einer Zeit, in der die Kredibilität durch eine falsche Aktion zerstört sein kann”. Das ist aber sicherlich nicht der Grund, warum der deutsche Film und das deutsche Fernsehen qualitativ so abgeschlagen sind. Cumberbatch zum Beispiel spielt einfach um Längen besser als alle deutschen Schauspieler. Die Deutschen entschleunigen ja immer. Man ist als Zuschauer doch komplett unterfordert, wenn man deutsche Schauspieler reden hört. Die Engländer sind wahnsinnig schnell. Die legen ein massives Tempo vor. Im Theater ist das aber ganz anders. Wenn man Cumberbatch Theater spielen sieht, ist das einfach Old School. Was Theater angeht, ist Deutschland absolute Spitze, weltweit.

Letztendlich entscheidet doch der Konsument. Alle wollen ja auch davon leben, sowohl der Schauspieler als auch der Beleuchter usw. Es gibt einfach einen kommerziellen Aspekt. Du spielst ja auch “Tatort”. Ich halte Tatort nicht aus, das ist für mich wie “Lindenstrasse” gucken.

Ja, das ist White Trash. Für die Masse gemacht. Es hat keinen höheren Anspruch, als das möglichst viele Leute einschalten. Der Schauspieler in Deutschland denkt, wenn ich vier Jahre Schauspiel studiert habe, weiß ich wie’s geht und muss auch nichts mehr lernen. Dann lerne ich meinen Text auf dem Weg zum Set, im Auto, und das reicht. Aber es reicht halt nicht. Im Ergebnis wird es nie reichen. Das rentiert sich schon, wenn sich ein amerikanischer Schauspieler sagt “Ich treffe mich mit meinem Coach zwei Wochen vorher, ich gehe den Akzent durch, ich versuche mich schauspielerisch von mir zu entfernen.“

Challengest du den Regisseur? Wenn die sagen, macht das so und so, sagst du dann, ich würde das anders machen? Zumindest teilweise oder hast du’s schon aufgegeben?

Nee… das soll jetzt ja auch nicht zu negativ klingen. Es gibt viele Regisseure, die erst mal gar nicht mit einem eigenen Entwurf, einer eigenen Idee von einer Figur kommen, sondern komplett kaufen, was du anbietest. Da gibt es diesen Widerstand gar nicht. Am Theater profitiere ich bei der Arbeit mit Thomas (Ostermeier) extrem davon, dass er mit einer Fantasie kommt und ich mit meiner Fantasie kontere. Die zwei Monate Proben leben davon, dass wir uns reiben.

Also ist es ein iterativ. Ihr kommt rein, beide mit Ideen, und dann ist es ein Prozess, bis das Stück steht.

Genau. Wir befruchten uns gegenseitig. Die Leute denken immer, es ist ein harmonischer Prozess. Und wir haben auch viel Spaß. Aber es ist auch viel Konflikt. Dafür hast du ja beim Drehen gar keine Zeit. Wenn du am Set stehst und so ein Fass aufmachst, verdrehen alle die Augen.

Du machst die Autistic Disco Events in der Schaubühne. Was spielst du als DJ?

Oft nehme ich mir vor, ein bisschen progressiver aufzulegen. Die Leute auch mal ein bisschen zu fordern. Ich hab mal in München in der 1. Liga aufgelegt und hab halt Pop Musik gespielt. Da kam einer und meinte, spiel mal ein bisschen was Progressives. Es gibt ein ganz gutes Zitat von Justin Timberlake, der meinte, nicht die kommerzielle Musik hat sich verändert, sondern, wie sich diese kommerzielle Musik definiert. Da gab es eine Verschiebung. Damals, als die Neptunes angefangen haben Popmusik zu produzieren - Justin Timberlake und Britney Spears - und die Beats plötzlich so fett wurden, war der Moment als ich mir dachte “Ich spiele jetzt Popmusik”. Ich habe früher so abstract beats gespielt, Mowax, Ninja Tunes und so. Irgendwann habe ich auf einer Premiere Party Pop Hits gespielt und die Leute sind ausgerastet.

Endlich haben alle getanzt…

Ja, genau, wie geil! Wenn die Leute das erste Mal bei “Candy Shop” von 50Cent kreischen, dann willst du die immer kreischen hören, jedes Mal. Und am Ende des Abends denkst du dann “Boah was hab ich da eigentlich gespielt”. Die Leute mochten es zwar aber…

…es war wirklich kommerziell. Ist das nicht auch das Problem, das der Film hat? Will der nicht auch einfach, dass alle Leute immer kreischen?

Ja, wahrscheinlich….

Kannst du dir vorstellen mit Kanye West zu arbeiten? Oder lieber mit Karl Lagerfeld?

Lieber mit Karl Lagerfeld.

Not Kanye?

Ich weiß nicht. Der repräsentiert diese Hybris der Popmusik. Das finde ich schon interessant. Auch ihn als Charakter. Er hat ja gesagt, Rap ist der neue Rock und ich bin der größte Rockstar der Welt. Ich bin Google, ich bin Walt Disney, ich bin der lebende Shakespeare… das imponiert mir schon, diese Form von Größenwahnsinn. Auch damit zu kokettieren. Ich unterstelle ihm jetzt mal, dass er nicht wirklich denkt, dass er der Größte ist.

Oder vielleicht denkt er es doch. Meinst du nicht, dass man es ab einem gewissen Level glauben muss, um es transportieren zu können. Ich finde diese Überheblichkeit ja ganz gut.

Ja. Und es hat auch ganz viel mit Pop zu tun. Pop ist ja auch eine Behauptung, die Behauptung der idealen, perfekten Oberfläche. Danach haben wir ja alle eine Sehnsucht, das ist ja nicht wie Rock n Roll oder Punk, etwas Gebrochenem. Man tut so, als ob es die perfekte Frau gibt, als ob es das perfekte Auto gibt. Ich bin ja dermaßen sozialisiert von diesen Videos. Ich glaube an diese Welt, die es gar nicht gibt. Ich bin da drauf reingefallen. Das kann ich dann noch so sehr begreifen, verstehen, reflektieren, aber ich merke, dass es mich geprägt hat. Ich suche immer noch nach den Frauen, die ich da in den Videos gesehen habe.

Dein größter Hip Hop Influence?

Für mich waren die Beastie Boys immer das Größte. So witzig wollte man sein, so wollte man aussehen, so wollte man sich bewegen. Die haben ja wahnsinnig gute, schlaue Interviews gegeben. Ich habe damals in der Bravo gelesen, dass die ins Publikum pissen - seitdem war ich infiziert.

West-Berlin?

Naja. Ich bin leider eine andere Generation als diese Dschungel, David Bowie Generation. Das kenne ich nur so vom Hörensagen, Linientreu und so. Meine erste Disco war so ein Laden in Steglitz, das Pop Inn… Dann gab’s das Rocket, das war so ein Laden, da gab’s Dienstag und Donnerstag Grunge. Ich bin 76er Jahrgang, ich rede also vom Anfang der 90er Jahre. Und dann war’s wirklich das WMF, das war ja nicht mehr Westberlin. Dieses Erlebnis habe ich so nie wieder erlebt. Und es wurde auch nie übertroffen.

James Lavelle und MoWax?

Super Typ! Und auch zutiefst Pop. Für mich war das Artwork mindestens genauso interessant wie die Platte. Ich hab die auch alle noch zu Hause, hol die ab und zu raus und guck die mir einfach an, weil ich die einfach liebe, diese 12 Inches, die zigste Version DJ Krush, Futura Artwork, die Figuren.

Das Erstaunliche ist ja, dass wir, als wir 2000 an der Schaubühne angefangen haben, genau solche Leute erreichen wollten. Sich wieder öffnen, Theater wieder interessant für Leute zu machen, die ans Kino verloren gegangen sind. Das ist uns am Anfang überhaupt nicht gelungen. Als ich dann mit meiner Autistic Disco anfing, haben alle noch gesagt, „das ist zu radikal“. Da kamen 30 Leute, die ich vorher alle persönlich angerufen hatte. Meine Frau hat immer zu mir gesagt

Du musst so lange in die Ecke pissen, bis es stinkt.

Irgendwann passiert es dann. Jetzt stinkt es. Und ich kann’s gerade so genießen, weil ich weiß, wie viel wir investiert haben. An der Schaubühne steht jeden Tag eine Schlange von 20-40 jährigen, die auf ein Ticket hoffen. Wer hätte gedacht, dass Theater das noch kann? Die Leute scheinen da was zu erleben. Oder sagen wir es so: wir schaffen es, etwas mit den Leuten zu teilen, womit kein anderes Medium konkurrieren kann. Im positiven Sinne. Diese Unmittelbarkeit scheint etwas zu sein, das viel mit Leben zu tun hat.

Theater ist einfach sehr authentisch. Und all zu viel Authentizität findet man im Facebook Feed nicht…

Das ist etwas, das mir Angst macht. Dass es Fotos gibt, die ins Netz kommen und da dann auch bleiben. Das widerspricht dem Leben, weil es seine Schönheit daraus zieht, dass der Moment, in dem es stattfindet, eigentlich schon wieder vergangen ist. Dass alles immer in Bewegung ist, die Zukunft auch immer gleichzeitig Gegenwart und Vergangenheit ist. Wenn man das versteht und als eine Qualität des Lebens begreift, ist man, glaube ich, schon einen Schritt weiter. Da ist das Theater näher dran. Dieses Festhalten, den Moment aufzunehmen und konservieren wollen... das Theater will das ja gar nicht. Das Theater lässt die ganze Zeit los. Ich glaube, das hat eine totale Schönheit für die Leute.

Würdest du dich als Popstar bezeichnen?

Naja, ich freue mich darüber, wenn man mich so bezeichnet. Wenn ich mir überlege, warum ich überhaupt angefangen habe, dann wollte ich von Anfang an Popstar werden. Da gab es immer die Faszination für Bravo Poster und die Ikonen mit denen ich aufgewachsen bin. Die hingen bei mir im Zimmer und die habe ich genauso angebetet wie Heilige.

Wer hing da?

Prince, Michael Jackson…das waren einfach Götter. Und dann gab es den Moment, in dem ich dachte, eigentlich will ich selbst auf dieses Bild. Mir reicht es gar nicht, die anzuhimmeln, ich will das selber sein. Für mich ist zum Beispiel dieses Jürgen Teller Bild, das 2x3m groß bei uns in der Wohnung hängt, die Erfüllung. Die absolute Befriedigung. Mein Bravo Poster.

Also die Bravo Poster waren der Impuls dafür, dass du auf die Schauspielschule gegangen bist?

Ich habe mit Kinderfernsehen angefangen, mit Moskito. Mit 10 Jahren habe ich beim SFB Kinderfernsehen gemacht und dann habe ich in der Theatergruppe an der Schule gespielt. Wenn man gutes Feedback kriegt, treibt einen das an. Da kann man sich dann auch nicht unabhängig machen. Ich würde zum Beispiel auch gern eine Band gründen aber mir hat noch nie jemand gesagt “Mann, du singst gut”. Ich habe einfach früh gemerkt, dass es was mit den Leuten macht, wenn ich auf der Bühne bin.

Du erreichst Menschen...

Ja, die ganze Atmosphäre verändert sich, ich habe eine Energie, die sich überträgt und einen ganzen Raum bespielen kann. Das macht mich total an. Und das führt dann zu einem rauschhaften Moment, in dem ich erstens über mich hinaus wachse und zweitens Sachen mache, von denen ich am nächsten Tag denke „was war das denn?“.

 

Deswegen vergleiche ich das auch oft mit Sex. Es gibt einfach Momente in denen ich denke, das wird jetzt nur noch geiler, wenn ich sie ankacke. Am nächsten Morgen musst du die Bettwäsche waschen, aber in dem Moment war es das einzig Richtige.

Im nüchternen Zustand würde man nie auf die Idee kommen. Ich mache auch Moves auf der Bühne, zum Beispiel neulich, als wir “Dämonen” gespielt haben. So durchs Bein springen. Wenn du mir jetzt sagst “Mach mal!”, würde ich aufs Maul fliegen. Aber auf der Bühne kann ich’s dann. Ich habe auch schon einen Salto gemacht… ich kann gar keinen Salto. Aber bei “Hamlet” schon. Aus einem Übermut heraus. Aber auch aus einem totalen Übersichhinauswachsen.

Was wäre Lars geworden wenn er nicht Schauspieler geworden wäre? Welche Optionen gab’s?

Es gab eigentlich nicht wirklich Optionen. Ich sehe mich mehr als Künstler wie als Schauspieler. Der Künstlerbegriff… es gab ja mal eine Zeit, in der man sich fast geschämt hat zu sagen “Ich bin Künstler”. Und etwas belächelt wurde. Ich will einfach Künstler sein. Ich will expressiv sein. Und es ist eigentlich egal wie. Ich hab nur gemerkt, dass ich das als Schauspieler am Besten kann, weil ich da am wenigsten Limits habe. Wenn ich das Leuten erzähle, verstehen die das immer falsch. Und dann heißt es “der größenwahnsinnige Lars Eidinger”. Das ist wirklich Quatsch. Es geht einfach darum, zu sagen, ich hab da was gefunden, in dem ich mich wirklich völlig uneingeschränkt austoben kann. Wenn ich male, stelle ich fest, ja, würde ich gern können, kann ich aber nicht. Die eingeschränkten Fähigkeiten stehen mir da im Weg. Das ist bei allen anderen Künsten auch so. Aber bei der Schauspielerei spüre ich keine Grenzen. Und das gibt mir dann auch eine Wirkung. Dass ich da total anarchisch sein kann und völlig uneingeschränkt... ich glaube das ist eine Qualität, die ich habe.

Du fällst oft aus der Rolle wenn du auf der Bühne bist, ich habe dich schon als Stand Up Comedian während einer „Hamlet“ Vorstellung erlebt, wirklich gut btw...

Ja, das sind solche Momente. Wenn ich aus der Rolle falle, lastet aber auch der Druck auf mir, dass das Ding schief gehen kann. Da sitzen 500 Leute, der ganze Aufwand ist betrieben, der Saal gemietet, alles aufgebaut und plötzlich könnte das ganze Ding kippen. Nur weil ich jetzt Quatsch mache. Das versetzt mich gleichzeitig aber auch in diese besondere Situation, dass man den Druck kompensieren will, indem man total entertained. Man wird aus der Not heraus so schnell im Kopf.

Adrenalin?

Ja, das ist Adrenalin, ganz einfach. Das ist als ob du mit dem Rad hinfällst und alles plötzlich ganz langsam wird. In Zeitlupe siehst du, ich stürze, ich schlage auf. Schon bevor der Schmerz kommt, verlangsamt sich alles. Das ist wie beim Kiffen. Eine Art Bewusstseinserweiterung. Dieses Gefühl habe ich auf der Bühne. Das eigentlich alles stehen bleibt und ich es so in Hypergeschwindingkeit schaffe, durch die Leute zu laufen und die Pointen 10x so schnell durchzugehen.

Wie chillt Lars?

Mir fällt das schon schwer, weil ich nicht so eine Sehnsucht nach Ruhe habe. Ich bin eher Phlegmatiker, nicht hyperaktiv, aber ich brauche Reize, um zu funktionieren. In dem Moment, in dem ich die nicht habe, führt das eher zum Stillstand. Wenn keine Reize mehr auf dich wirken, lebst du ja nicht mehr.

Mein Beruf hat auch ganz viel damit zu tun, dass ich die ganze Zeit auf diese Reize reagiere. Meine Spielweise habe ich ja auch so entwickelt. Wenn ich aus der Rolle falle oder Leute im Saal anspreche, hat das weniger damit zu tun, total wild und radikal zu sein. Es hat eher damit zu tun, dass mir das gut tut und es aufrichtiger ist, zu sagen „Ich sehe, was Sie da machen. Ich sehe, dass Sie da ihr Handy rausholen.“ Und dann frage ich “Was machst du denn jetzt gerade, um 22 Uhr? Ist das jetzt so wichtig, dass du das jetzt machen musst? Wir können ja kurz warten. Wenn’s so wichtig ist, warten wir”. Ich sah mal eine Performance von Romeo Castellucci. Auf der Bühne war ein schwarzer Hund. Dahinter stand eine Projektion “Dieser Hund ist blind”. Da hat man einfach nur zehn Minuten lang diesen Hund angeguckt, um zu sehen, wie er auf die Geräusche reagiert. Für mich war das total aufschlussreich. Weil man sehen konnte, wie er seinen Instinkten freien Lauf lässt. Als guter Schauspieler muss ich eigentlich auf alles reagieren, ich muss möglichst offen sein. Man muss wie dieser Hund zu sein. Ich versuche was Ursprüngliches, Animalisches und Kindliches in mir zu aktivieren.

Unvoreingenommen, instinktiv…

Ja, und ich glaube, dass ist der Grund, warum die Schlange stehen.

Wie sieht das emotionale Vakuum nach der Vorstellung aus?

Jeden Abend wenn ich auf der Bühne stehe, gibt es diesen Moment. Das ist wie bei einem Pop Konzert, wo du als Künstler fühlst, die sind doch alle nur wegen mir hier. Die lieben mich doch alle. Und das macht einen ja auch total an, das hat ja auch etwas Sexuelles, du hast ja immer die Phantasie, mit all diesen Frauen ins Bett zu gehen.

Du denkst, die Chicks kann ich alle haben…

Ja genau. Und dann gehst du in die Kantine und merkst, nee, doch nicht. Und das macht einen dann natürlich unglücklich.

Da kannste nur wichsen und hoffen, dass es weggeht, das Gefühl.

Es ist einer der Gründe, warum diese ganzen Künstler, gerade die großartigen Künstler, drogenabhängig sind. Weil sie halt versuchen, sich den Kick woanders zu holen. Oder den Kick zu verlängern. Einfach um gegen diese Traurigkeit anzukämpfen, die durch den Verlust dieses Gefühls entsteht, das für einen Moment so greifbar ist. Danach ist es wie eine Blase, die zerplatzt. Und trotzdem macht es einen guten Künstler aus, dass er sich immer wieder dieser Illusion hin gibt, dass er alle Chicks haben kann. Das ist ja auch etwas Gegenseitiges. Die denken ja auch alle, sie können mich haben. Die gucken mir ja auch zu und denken, da passiert was zwischen uns. Das ist ja eine Beziehung, die man da eingeht. Und die ist danach immer weg. Dazu kommt, dass die manchmal gar nicht mich meinen, sondern die Figur, die ich da spiele.

Manche sind regelrecht enttäuscht, wenn sie merken: Lars Eidinger ist ja gar nicht Hamlet.

Manchmal denke ich, ich würde fast lieber als Hamlet nach Hause gehen, dann bin ich irgendwie freier und radikaler. Privat bin ich viel mehr Zwängen und Ängste unterworfen und viel klemmiger.

 

 

Ängste?

Ich glaube, dass Schauspieler sehr sensibel sind. Die können den Verlust des Mutterleibes nicht verschmerzen. Dieses Trauma, das man erleidet, wenn man auf die Welt kommt. Das ist zwar Anfang und Geburt. Aber gleichzeitig verlierst du den Schutz der Mutter und fühlst dich verloren. Dann ist es eine Frage der Beziehung zu deinen Eltern, den Erfahrungen, die du im Leben machst, die dir vielleicht wieder diese Geborgenheit geben. Oder du suchst dir halt eine Ersatzdroge. Wie Theater spielen. Weil diese Bestätigung dir ein Gefühl von Geborgenheit gibt. Ich bilde mir ein, dass die Leute mich in diesem Moment in den Arm nehmen.

Deshalb bleibe ich ja auch an Formaten wie Dschungelcamp hängen. Ich habe das Gefühl, es ist essentiell, im Dschungel in einer Holzhütte zu sitzen und in die Kamera zu flehen, dass doch bitte alle für mich anrufen.

Natürlich fragt man sich auch: sind das Masochisten, warum machen die das? Meine Angst ist einfach, dass ich nicht geliebt werde. Und da geht es nicht um Likes, da geht es um tiefe Zuneigung, auch um Verständnis. Weil es das ist, was eine Bindung schafft. “Sein oder nicht Sein”. Und alle sind bei dir. Alle eint ein Gedanke an den Tod. Auch wenn sie natürlich mannigfaltige Assoziationen haben. In dem Moment sind wir Eins. Das ist dieses Kollektiv, was David Lynch so toll beschreibt: “Die Intelligenz in einem Raum mit einer Masse von Menschen ist größer, als die Summe der Intelligenz jeder einzelnen Person”.

New Territories?

Fotografie ist etwas, was mich wirklich interessieren würde. Das hat auch mit der Faszination des Moments zu tun, mit dem Fokussieren auf gewisse Sachen. Ästhetik ist für mich immer attraktiv. Ich bin komischerweise mit sehr vielen Fotografen befreundet. Die sind mir immer sehr schnell sehr nah. Ich habe das Gefühl, Fotografen sind echt die besseren Menschen, weil die so eine besondere Sicht auf die Dinge haben, so einen besonderen Blick. Das ist auch ein Konflikt. Man sagt, man kann nur ein guter Schauspieler, ein guter Künstler, ein guter Mensch sein, wenn man die Menschen liebt. Und da bin ich im Zwiespalt. Es gab ein tolles Interview mit Jürgen Teller, in dem er beschrieben hat, dass seine Beziehung zu seinem Vater ihm erst ermöglicht hat, überhaupt so sensibel und sensitiv zu werden, innerhalb von Sekunden die Atmosphäre in einem Raum zu analysieren, aber auch eine Persönlichkeit zu durchschauen. Sein Vater war unberechenbar und Jürgen musste immer die Lage checken. Ich glaube wirklich, dass dies seine größte Stärke ist. Bei aller klaren Ästhetik mit dem Blitz und so hat er trotzdem ein wahnsinniges Gespür für Persönlichkeiten. Als er mich für das ZEIT Magazin fotografiert hat, haben wir erst mal fünf Stunden geredet. Der macht ja kein Foto, bevor er nicht weiß, wer du bist. Wenn ich auf der Bühne stehe, gibt es Momente, in denen ich mir einbilde, dass ich bei jedem dieser 500 Leute weiß, was er gerade denkt. Damit könnte ich zu Wetten Dass gehen. Das ist wie eine Hyperbegabung.

Parallelen zwischen Lars Eidinger und Klaus Kinski?

Ich glaube jeder Schauspieler wäre gern Klaus Kinski. Ich auch, aber das ist auch die einzige Parallele. Er war ein Wahnsinniger. Ich bin nicht wahnsinnig. Ich kokettiere wahrscheinlich ein bisschen damit. Es gibt doch diese Anekdote von Klaus Kinski. Er hat lange zur Untermiete gewohnt und dann waren seine Vermieter, ein älteres Ehepaar, im Theater und haben ihn gesehen. Er kommt abends nach Hause und die sagen zu ihm, “Herr Kinski, wir haben Sie heute Abend gesehen, es war ganz toll”. Und er schreit sie an “Es war nicht toll, es war genial”. Das hat natürlich mit Hybris zu tun. Es gibt so Momente, in denen halte ich mich auch für genial. Die größte Angst ist eigentlich, missverstanden zu werden. Oder, dass das nicht erkannt wird. Deshalb bin ich ja so froh über meinen Erfolg. Weil ich merke, ich hab soundso lang im Interview gesagt “ich bin der größte Schauspieler der Welt” und langsam fangen die Leute an, das zu glauben. Auch wenn sie es nur voneinander abschreiben.

Also doch kinda Kanye like…

Ja, da steckt schon eine ähnliche Philosophie dahinter. Natürlich ist das auch immer gekoppelt an totale Selbstzweifel, das ist ja das Interessante an dem Beruf. Diese Fallhöhe von “heute halte ich mich für den Größten und morgen für den letzten Dilettanten“. Dazwischen spielt sich das ja ab.

Thank you Lars!