Der
Browser
als
lebende
Leinwand

Der brasilianisch-holländische Internetkünstler Rafael Rozendaal (*1980) im Interview. 

 

 

Deine Eltern waren schon Künstler?

Ja. Meine Eltern haben sich in Brasilien kennengelernt. Mein Vater kommt aus Holland, also haben sie beschlossen, in Holland zu wohnen. Mein Vater ist Maler und meine Mutter Architektin. Es war einfach für mich, in die Kunst hineinzurutschen. Als ich noch jung war, wollte ich Zimmerer werden. Ich wollte immer etwas mit meinen Händen machen. Ich mag es, Dinge herzustellen. Das ist die Grundlage meiner Laufbahn. Ich hatte nie Schwierigkeiten damit, meine Eltern von meiner Kunst zu überzeugen oder ihnen weismachen zu müssen, dass es nicht nur ein Hobby ist. Diese Diskussionen, die andere Künstler durchkämpfen müssen, hatte ich nie. Meine Mutter war nur etwas besorgt, weil sie sagte, dass Künstler immer so unglücklich sind. Es ging nicht darum, dass Künstler arm sind, sondern eher um Gefühl, nicht genug geschätzt zu werden. Es ist eine sonderbare Art zu leben.

Du scheinst damit recht gut klar zu kommen. 

Jeder hat Hochs und Tiefs. Außerdem sind Menschen mit normalen Jobs auch nicht immer wahnsinnig euphorisch. Viele meiner Freunde sind wirklich unglücklich, einen Job zu haben. Ich weiß nicht warum. Ich glaube, vor zwanzig Jahren hätten die Menschen das nicht gesagt. 

Ja, das stimmt. Vor allem der Gedanke, einen Job länger zu haben, 5 Jahre oder 6 Jahre das Gleiche zu tun. 

Ja. Und früher war es normal, vierzig Jahre lang eine Arbeit zu haben. 

Die Angst vorm Hamsterrad. Zurück zum Zimmerer und Handwerk, also zu deinen frühen Jahren.

Da war ich 5 Jahre alt. Mein Vater hat auf Holz gemalt, also hat er seine Malereien immer mit Sägen, Nägeln und Hämmern bearbeitet, das war wirklich spannend. Und Holz riecht gut! Was ich jetzt mache ist ziemlich anders. Die Grundlage meiner Arbeit war das Malen. Ich finde die Idee wirklich spannend, Gedanken in Linien, und Linien in Programmierung zu konvertieren. Das funktioniert ziemlich gut. Allerdings ist es wirklich schwierig, weiche, schwammige und impressionistische Malereien mit Programmierung zu transformieren. Mondrian, zum Beispiel, ist einfacher zu programmieren. Ich habe also immer in einfachen Formen gedacht. Wenn du Gedanken hast, bist du es gewohnt, diese in Worte zu transformieren. Ich mache dasselbe mit Linien. 

Welche – neben Mondrian - anderen Künstler inspirieren dich besonders? 

Mondrian und ich teilen uns ja dieselbe Heimat. Es ist interessant, dass Künstler ziemlich lokal sind. Sie haben dort bestimmte Einflüsse. Wenn du jung bist, gehst du in die Museen. Und dann machst du Urlaub in Frankreich. Dort siehst du dann auch bestimmte Museen. Damit sind wir in Holland aufgewachsen. Jetzt lebe ich in den USA, wo es Künstler gibt, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Natürlich kennt jeder Andy Warhol, aber es gibt so viele mehr. Es wäre in Deutschland genau so. Natürlich kenne ich Joseph Beuys. Aber da versteckt sich so viel mehr. Aber wie gesagt: ich bin in Holland aufgewachsen und da gibt es dann eben Vermeer, Mondrian, Rembrandt und van Gogh. Ich glaube es gibt eine Art niederländische Klarheit in der Kunst. Van Gogh war ziemlich von japanischer Malerei beeinflusst. Er wurde von der Klarheit förmlich angezogen. Ich glaube, das basiert auf pragmatischer Kultur und dem Licht. Diese Kombination erzeugt einen ganz eigenen Blick. 

Mir leuchtet der Zusammenhang zwischen Vermeer, Rembrandt und der Browser-Kunst, die du machst, noch nicht ganz ein.

In meiner Arbeit gibt es kaum Drama. Es ist eher eine stille Beobachtung. Das ist es, was ich meine. Wahrnehmung ohne zu Urteilen, ohne überhaupt involviert zu sein. Deutscher Expressionismus ist ziemlich schwer und bombastisch. In Holland liegt der Fokus eher auf Landschaften und Stillleben, aber nicht auf Menschen, was hier in Europa ziemlich untypisch ist. Mich zieht es auch mehr in die Richtung, nicht zu viele Menschen in einer Idee oder einem Blick zu haben. Eine Art Ichform in der Perspektive. 

Du hast in Maastricht Kunst studiert, richtig? Hattest Du einen Professor, der dich besonders geprägt hat?

In Deutschland besteht eine Lehrlingsstrukur, in der du deinen einen Meister hast. Wir hatten ein anderes System. Das war cool aber auch ein ziemliches Durcheinander. Viele Schulen haben eine relativ klare Richtung, der man sich entweder anpasst oder dagegen kämpft. Aber diese Schule war so ein Durcheinander, dass ich niemals daran gedacht habe, was die Schule wohl von mit erwarten könnte. Ich habe nur gemacht, was ich wollte. 

Du hast deine ersten Malereien für ein bisschen Taschengeld an deinen Onkel verkauft hast. Später hat dich daran gestört, dass du keine Kopien mehr hattest. 

Ja, das war ziemlich frustrierend. Als ich 10 war, habe ich Zeichnungen gemacht, für die er mir ein bisschen Kohle gegeben hat. Aber ich mochte den Gedanken nicht, dass die Zeichnungen dann hinter einer verschlossenen Tür sind und niemals von jemand anderem gesehen werden. Also habe ich angefangen, schwarz-weiß Zeichnungen zu machen, die man multiplizieren kann. Da begann die Idee der Multiplizierung, wodurch sich auch die eigene visuelle Sprache verändert hat. Dann habe ich den Computer entdeckt. Ich dachte: „Wow, ich kann ja ein Bild erzeugen, dass überall auf der Welt gleichzeitig existiert!“ Daran passt sich dann auch die visuelle Sprache an. Es ist einfacher, Mondrian statt van Gogh zu animieren. Die Technik gibt die Arbeitsweise und den Stil vor. Genauso wie die japanischen Holzschnitte einen bestimmten Stil haben. Mich fasziniert auch, dass sich westliche Kunstgeschichte vor allem um Unikate dreht. Das ist seltsam. In Asien ist das anders. Deren Kunstgeschichte beinhaltet viele Objekte, weil so viele Kopien existieren. Alle berühmten japanischen Drucke des 17. Jahrhunderts haben kein Original. Tausende von Kopien sind unterwegs, manche in besserer, manche in schlechterer Qualität. Es gibt jedenfalls keinen klaren Sieger, vergleichsweise keine Sternennacht oder Mona Lisa. Wieso ist das im Westen so? Ich weiß es nicht. 

Dein Wunsch nach reproduzierter Allgegenwärtigkeit verzichtet auf das typische Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter?

Ja, aber das setzt sich aus vielen Aspekten zusammen. Zum Beispiel, dass ich erst mal nicht geglaubt habe, dass die Kunstwelt auf das wartete, was ich mache. Ich dachte, meine Ideen seien vielleicht zu einfältig oder flach. Also habe ich nicht auf die Kunstwelt gewartet, sondern einfach selber angefangen. Ohne Publikum. Und dann habe ich mein eigenes gefunden. Ich mag das Konzept, dass niemand zwischen dir und dem Publikum steht. 

Gibt es bei dir auch beim Verkauf keinen Mittelsmann? 

Das ist etwas anderes. Es ist doch so: wenn jemand einen Käufer findet, soll er dafür auch entlohnt werden. Das ist ok. Aber es gibt keinen Mittelsmann zwischen mir und dem freien Publikum. Manchmal ist der Verkauf zwar direkt, oft aber auch nicht. Für mich ist wichtig, dass es öffentliche Arbeit ist. 

Das ist ein Teil der Rechtstrukturen, die du entwickelt hast, nicht wahr? Das Konzept, dass jede Domain, die man kaufen kann, öffentlich bleiben muss. Man hat nur seinen Namen im Quellcode. 

Kunst ist eigentlich immer mit Exklusivität verknüpft. Aber eine Website als Kunstwerk zu erwerben, ist zur Hälfte Generosität und zur anderen Hälfte Egoismus. Wenn man die Arbeit weiterhin der Öffentlichkeit anbietet, wird sie am Leben erhalten. Und rückwirkend kennt jeder deinen Namen – im Quellcode – und verknüpft ihn mit Freigebigkeit. Meiner Meinung nach ist das für beide Seiten ein Gewinn. Es liegt in der Natur von Institutionen, Kunstwerke einem größtmöglichen Publikum zu zeigen. Allerdings heißt das für sie nun auch, dass sie neues Personal brauchen, das mit diesen Websites umgehen kann. Da werden die Meisten nervös. Es hat auch 30 Jahre gedauert, bis sie in der Lage waren, mit Videos umzugehen. Und jetzt kommt wieder ein neues Format. 

Das ist dann auch Teil deines Kaufvertrages: die Käufer müssen die laufenden Kosten der Instandhaltung tragen?

Na ja, die Domain kostet 10 Dollar pro Jahr. Das ist nicht sonderlich dramatisch. Aber wenn der Browser erneuert wird und die Arbeit überholt ist, werden die Arbeiten quasi antik. Und nicht mehr öffentlich. 

Als Sammler bräuchte man dann also einen alten Computer mit einem alten Browser?

Ja, letztlich schon. Bei manchen meiner Arbeiten ist es einfach, sie für einen neuen Browser umzuprogrammieren. Aber wenn ich meine Arbeit verkaufe, will ich den Sammlern auch keine große Bürde auferlegen. In gewisser Weise müssen wir realistisch bleiben: nehmen wir mal an, wir haben in Zukunft das Internet in unseren Gehirnen eingepflanzt. Dann wird man sich eingestehen „Ok, Space Invaders ist ein altes Computerspiel und gehört ins Museum.“ Andererseits werden Computersysteme ständig intelligenter, sodass sie auch alte Sprachen übersetzen können. Das technische Format, das ich benutze ist weit verbreitet. Das sollte kein Problem sein. 

Kannst du mir etwas mehr über deinen künstlerischen Prozess von einer Idee über ein Konzept und zur Ausführung erzählen? 

Es beginnt damit, dass ich versuche ein Muster zu erkennen, aus dem dann Ideen und Inspiration für meine Websites folgen. Es ist immer anders. Manchmal kommt es von etwas, das ich in einem Museum gesehen habe. Manchmal entsteht es durch ein persönliches Dilemma. Manchmal kommt es auch einfach so zu Papier, wenn ich überhaupt nicht nachdenke, sondern nur zeichne. Es gibt also verschiedene Arten, inspiriert zu werden. Manchmal habe ich eine Idee und es dauert wahnsinnig lange, eine passende Form dafür zu finden. Ich habe einmal über das Konzept eines Kollapses nachgedacht. Man macht Zeichnungen dazu, aber es ist noch nicht Gscheites. Dann lässt man es ruhen, legt die Idee ins Regal und arbeitet an etwas Anderem. Zwei Monate später fällt es mir beim Joggen ein zweites Mal ein und denke mir: „Oh ha, das probiere ich!“ – und es funktioniert wieder nicht. Wieder Monate später liege ich am Strand und dann kommts: „Ok, jetzt hab ich´s!“. Das ist mein Prozess, die richtige Form zu finden.

 

Auf einer meiner Website fliegt nur Popcorn durch die Gegend. Ich fing also an Popcorn zu zeichnen. Popcorn hat eine so eigenartige Kontur und Form, dass auf dem Bild nur ein großes Stück von Irgendetwas sichtbar war, wenn nicht das Wort Popcorn daneben stand. Es sah ein bisschen aus wie eine Blume. Ich musste also forschen, verschiedene Zeichnungen machen und ins Kino gehen, um zu sehen, wie die Popcorn zeichnen. Ich habe mir viele Cartoons angeschaut und Popcorn gegoogelt. Es dauert einfach seine Zeit, bis die richtige Form gefunden ist, dann erscheint sie zwingend logisch.

Dieser Teil der Formfindung und Verbildlichung besteht aus Stift, Fotografie, Videos und Computer. Ich zeichne erst. Dann mache in eine grobe Animation mit einem einfachen Programm. Nur um zu sehen, ob es mir so gefällt und ob es die Arbeit wert ist. Dann beginnt das Programmieren - zufallsbedingt, interaktiv, usw. Am Anfang steht pseudocode; normale Sprache, mit der man das Projekt beschreibt. „Ich will, dass das Popcorn umherfliegt, mit einem bestimmten Winkel und einer bestimmten Anziehungskraft. Und wenn Popcorns aneinanderstoßen, soll etwas Bestimmtes passieren. Es soll so und so viele geben, die noch auf dem Boden liegen.“ Dann erstellt der Programmierer einen Prototyp. Hier kann ich noch alle Werte modellieren und verändern, zum Beispiel wie oft ein neues Popcorn aufknallt, wie viele gleichzeitig und wie hoch sie fliegen oder wie viel Schwerkraft sie haben. Das kann ich ständig verändern. Das ist das Schöne am Programmieren. Im Gegensatz zum Animieren, wo Veränderungen aufwendig sind. Beim Programmieren verändere ich einfach nur ein paar Werte und das Ding startet sich neu. Das ist der Prozess. Es macht wirklich Spaß. Man sieht ständig den Prototypen und spielt herum, bis es da ist. 

Erst kam die kopernikanische Wende. Vollzog sich durch das Internet, in dessen Folge Bilder immer dominanter wurden, eine ikonische Wende? Der gesamte Rahmen – und das Fenster zur Welt - haben sich geändert. Auf diesem Verhältnissen baut deine Arbeit auf. Wie empfindest Du das? 

Das ist eine interessante Frage. Wir hatten schon früh einen Computer. Am Anfang hatte ich ein bisschen damit programmiert. Um zum Beispiel einen asymmetrischen Würfel zu entwerfen. Das hat mich fasziniert. Mit ein paar Linien eines Codes kann etwas erstellt werden. Und wenn man den Code verändert, wird der Würfel größer oder kleiner. Aber das war nur die Vorphase. 1996 oder 1995 habe ich mit dem Internet in der Bücherei angefangen. Etwas später bekamen wir auch zu Hause Internet. Es hat sich langsam entwickelt. Das erste, was damals jeder gemacht hat ist, nach Dingen im Internet zu suchen, die man aus der realen Welt kennt. Ich war begeistert von Musik, also habe ich vor allem nach Texten von Bands gesucht, die ich sonst nirgends gefunden habe. Oder ich habe etwas über Comics gesucht. All die Dinge, die man aus dem realen Leben kennt, finden im Internet ihr Archiv. Daten, die auf der echten Welt basieren.

Nach ein paar Wochen habe ich mich dann aber gefragt: „Was passiert im Internet, das sich nicht auf die reale Welt bezieht? Was ist das Spezifische an diesem Medium?“ Es gab damals eine ziemlich fortschrittliche niederländische Fernsehanstalt, die das Projekt hatte, eine Website als Plattform für Experimente anzubieten. Das hat mich sehr inspiriert. Sie haben verschiedene Designer und Künstler gefragt, ob sie etwas entwerfen wollten. Die Anweisung war, Sachen zu entwickeln, die man nicht aus dem Kino oder Büchern kennt und die keine Animationen oder Musik Videos sind. Es ging um neue Online-Erfahrungen. Das war wirklich ein Wendepunkt für mich. Zu diesem Zeitpunkt war ich 16 und hatte noch wenig Ahnung, wie ich das praktisch machen sollte. Als ich 2000 an die Kunstschule ging, hatten wir Kurse, in denen es um die Arbeit mit Browsern und Animationen ging. Zu dieser Zeit war es noch üblich, Portfolios auf die Website zu stellen, die Dinge der realen Welt beinhaltet haben. Zum Beispiel ein Portfolio von Zeichnungen oder Skulpturen oder was auch immer. Ich habe mir gedacht: „Ich will etwas Besonderes für dieses Medium machen!“ Ich war getrieben von der Vorstellung. Ein Mensch kann nicht jede Ausstellung der Welt sehen. Aber auf dem Bildschirm, ginge das nicht dort? 

Diese Erkenntnis wurde dein künstlerischer Wendepunkt? 

Gerade in der Zeit, in der das Internet noch so langsam war, hat mich dieses Umdenken interessiert. Man konnte damals schlichtweg kein zweistündiges Video zeigen. Ich fand, dass gerade diese Beschränkungen die Kreativität antreiben könnten. Das war ein neues Problem. Aber trotzdem ähnlich wie in den Animationen der 20er Jahre. Micky Mouse hatte nur 4 Finger. Warum? Weil es so viel Arbeit war, all diese Finger zu zeichnen. 

Beschränkungen zwingen dazu, etwas auf den Punkt zu bringen?

Genau. Ich nenne das „Abstraktion für das Streben nach Reproduktion“. Auch die Größe der Leitung bestimmt, welche Bilder durchgeschickt werden können. 

Du schreibst auch Haikus und machst Musik, wie spielt das zusammen?

Ich war schon immer ein großer Musikfan, Irgendwann habe ich angefangen, viele Soundtracks zu hören. Jemand wie John Carpenter hat mich begeistert, der selbst Soundtracks für seine Filme gemacht hat. Zusammen mit einem Freund habe ich dann begonnen, Musik mit dem iPhone zu machen. Einfach mit ein paar Apps. Wir haben das nur mit ein paar Melodien gemacht. Er ist ein Filmemacher. 

Eure Art Soundtrack?

Genau. Es ist ein Hobby ohne große Verantwortung. Wir genießen es einfach. Interessant daran ist, dass man eine bestimmte Art hat, visuell zu arbeiten, Dinge zu beschreiben und zu erzählen. Mit Musik ist das ja das gleiche: man erzählt wieder etwas und dann erkennt man darin einen roten Faden, eine eigene Handschrift. Er will immer mehr und mehr einbauen. Ich will es immer weiter reduzieren. Am Ende finden wir eine Balance.

Und die Haikus sind auch nur ein Hobby ohne Verantwortung?

Ich weiß nicht. Das ist eben das, was ich am Internet so mag. Man macht einfach was einem gerade in den Sinn kommt. Später, wenn man eine Ausstellung oder ein Buch macht, kann man noch immer entscheiden, was gut und was schlecht ist. Ins Internet kommt alles, was mir durch den Kopf schwirrt. Eines der berühmtesten Haikus ist von Matsuo Basho: Old pond — frogs jumped in — sound of water. Es hat mich total geflashed. Das ist Kunst, die sogar noch portabler ist, als eine Website. Das existiert in deinem Kopf und immer, wenn du dich daran erinnerst, siehst du es vor dir. Du siehst einen alten Teich, den Frosch und das spritzende Wasser. Diese Kunst überlebt Jahrhunderte, nur dadurch, dass es Leute aufsagen. Es hat nicht einmal eine physische Form. Es ist nur einfach zu merken.

Immer wieder Japan. Du hast auch in Tokio gelebt?

Ich habe dort für drei Monate eine residency gehabt und seither bin ich immer wieder zurückgekehrt, fast jedes Jahr. Ich fühle eine starke ästhetische Verbindung zu Japan, vor allem mit der Einstellung, Dinge immer in Reproduktion zu entwerfen. Die dachten immer in Linien. Das führte dann zu Mangas, dann zu Comics und das wiederum zu Videospielen und Animationen. Sie haben also eine Tradition, Bilder zu reduzieren. Ich fühle mich da also recht zu Hause. In Asien gibt es außerdem viele Urban Screens, was ziemlich gut für mich ist. Europa ist voll mit Kathedralen und schönen alten Gebäuden. Es wird also niemals Urban Screens in derselben Art und demselben Ausmaß geben. In Asien gibt es hingegen Cyber Cities. Das fühlt sich ein bisschen wie Science Fiction an. 

Mittlerweile wohnst Du in New Yorks Chinatown. 

Ich habe in Tokio und den verschiedensten Städten auf der Welt gelebt. Irgendetwas hat aber immer gefehlt. New York bietet ein bisschen von allem, das fühlt sich ziemlich gut an. Es gibt dort viel Asien, Südafrika, Europa und natürlich USA. Alles ist gemixt. Viele Menschen sprechen kein Englisch. Es ist ein großes Durcheinander. Manchmal ist es auch eine Herausforderung, weil es teuer und das Klima nicht wirklich angenehm ist. Aber ich mag die Dynamik der Leute. Und jeder kommt einmal im Jahr nach New York. Also läufst du jedem einmal pro Jahr in die Arme. Das ist aufregend! 

Kannst du etwas über die demographischen Merkmale der Leute sagen, die deine Domains kaufen und die, die auf deine Website gehen?

Die Leute, die meine Domains kaufen, sind nicht der durchschnittliche Besucher meiner Website. Bisher habe ich nur über die Facebook Fans einen Einblick in die Demographie bekommen. Aber das ist nur ein kleiner Teil des Publikums. Ich glaube, es zieht sich durch alle Altersgruppen. Zwei Freunde von mir haben von meiner Arbeit erfahren, weil deren Mütter gesagt haben: „Du solltest dir seine Website mal anschauen.“ Offensichtlich ist die Demographie also ziemlich gestreut. Das war immer, ich will nicht sagen mein Ziel, aber ich wollte immer Arbeiten machen, die nicht in einer Nische gefangen sind. Wenn man sich vorstellt, in die Vergangenheit oder in die Zukunft zu reisen – wie auch immer – und den Leuten dort die Arbeiten zeigt, sollen sie damit etwas in Verbindung bringen können. Es soll nicht nur für die Zeit und den Ort gelten, in der sie entstanden sind. Die Themen und Formen sollen, hoffe ich zumindest, Menschen von verschiedenen kulturellen Hintergründen berühren. Es geht nicht so sehr ums Verstehen, sondern mehr um eine Verbindung. Meine Hoffnung ist, dass man kein spezifisches Wissen über Kunstgeschichte oder Technik braucht. 

Wie ist das bei den Sammlern, welche Menschen kaufen deine Domains?

Manche Sammler sind sehr traditionell, die haben gar keine digitalen Arbeiten in deren Sammlungen. Manche Leute suchen konkret nach digitalen Arbeiten. Ich habe eine Website, die Free-Text-Browsing heißt, das ist eine Plug-In für Chrome. Wenn man den installiert, kann man das Web ohne Text browsen, also sieht man Facebook oder Gmail ohne Text. Eine Sammlerin hat die Chrome-Erweiterung gekauft, das war eine Käuferin, die in Text-Kunst interessiert war, also konzeptuelle Kunst mit Text. Die hatte so einen Hintergrund, andere wieder einen ganz anderen. 

Dein Konzept, Kunst online zu verkaufen, hast Du als Schablone veröffentlicht. Ein Open Source Vertrag, der anderen Künstler Möglichkeiten aufzeigt, von Browser Art zu leben. 

Ich habe meinen Vertragsentwurf für Leute online gestellt, damit sie ihn benutzen. Viele Künstler haben das auch gemacht. Manche haben ihn verändert und wollen zum Beispiel festlegen, dass sie eine Courtage vom Weiterverkauf bekommen. Interessanterweise gilt in der EU eine Rechtsprechung, die ein Honorar vom Weiterverkauf vorsieht. Das müsste man also nicht einmal festlegen. Ich habe aber gehört, dass du nie wieder gebucht wirst und dich keine Galerie mehr will, wenn du danach fragst und dir einen Anwalt nimmst. Das Gesetz hat also seine Schwächen.

Asiatische Cyber Cities sind also der perfekte Ort, um digitale Kunst auszustellen. Für ungleich schlechtere Bedingungen hast Du ein Konzept – BYOB - entwickelt, in dem man seinen Beamer und das eigene Equipment einfach mitbringt und sich die Ausstellungsflächen selbst schafft. 

Ja, es ist ziemlich stressig, Ausstellungen zu machen. Vor allem Ausstellungen mit Medien. Dafür bracht man ein großes Budget für das ganze Equipment. Dauert eine Ausstellung einen Monat, kostet das Ausleihen der Ausstattung fast so viel, wie es zu kaufen. Stell dir vor, du machst eine Show mit jungen Malern. Die bringen einfach ihre Gemälde mit. Ziemlich einfach. Aber wenn du Videoarbeiten zeigen willst und 10 Projektoren brauchst, wird es schon schwieriger.

Ich habe eine Weile in Berlin gelebt. Dort hatten alle meine Freunde Projektoren. Wahrscheinlich weil die Menschen in Berlin große Wohnungen haben. Jedenfalls haben sie alle in irgendeiner Form mit bewegten Bildern gearbeitet. Oder sie waren Maler und haben die Projektoren während des Malens benutzt. Kurzum: jeder hatte einen Projektor. Mir wurde klar: Wenn man eine Ausstellung organisiert, die nur eine Nacht dauert, ist es viel einfacher sie aufzuziehen, wenn jeder für die eigene Ausrüstung verantwortlich ist. 

Das Internet ist vom Wesen ähnlich; jeder kümmert sich um sein eigenes kleines Ding. In der Gesamtheit ergibt das dann das große Ganze. Ein Freund von mir hatte zeitweise ein großes Studio und fragte mich, ob wir nicht auch so ein Projekt machen wollen. Wir haben eine Gruppe von Freunden ausgewählt, ungefähr 30 Künstler. Es gab keine Vorschriften, welche Arbeiten sie ausstellen sollen. Alle sind gekommen und in 10 Minuten war die ganze Show aufgebaut. Während der Ausstellung haben die Leute die Position der Projektoren noch immer verändert und die Arbeiten aufeinander abgestimmt. 

Ausstellungen können vieles sein. Sie können ein kritischer Durchbruch oder ein kommerzieller Erfolg sein, aber normalerweise sind sie kein großer Spaß. In diesem Fall war das anders. Danach haben die Leute gesagt: „Lasst uns das in einer anderen Stadt genauso machen!“ Also habe ich die Anleitung online gestellt. Es hat sich herausgestellt, dass die Leute auf so etwas gewartet haben. Sie wollen online Inhalte erstellen und diese dann auch ausstellen. Aber sie wissen nicht, wie. Eine Ausstellung zu organisieren kann wirklich einschüchternd sein. 

Bring Your Own Beamer ist ja nicht einmal ein Instrument. Das ist nur ein Satz. Aber der kann den Künstlern schon über die Hürde helfen. 

Wo hast du die erste Ausstellung veranstaltet?

Das war ein Studio einer holländischen Stiftung in Berlin. Ich erinnere mich nicht mehr genau an die Location. Seither sind circa 200 gefolgt, in Städten wie Paris, London, New York und Jerusalem, aber auch in Birma, Korea, Südafrika und Kuba. In Birma gab es keine Projektoren, also haben sie mit Kerzen, Scheinwerfern und Schatten gearbeitet. Es ist wirklich herzerwärmend, zu sehen, dass Menschen dadurch in ihrem künstlerischen Schaffen gestärkt werden.

Gibt es ein zentrales Archiv?

Yea, jeder will auf der Plattform erwähnt werden, deshalb schicken sie mir oft eine E-Mail, damit ich sie als Mitwirkende auf der Website eintrage. Es ist ein simpler Tumblr (http://www.byobworldwide.com). Die Leute können einfach ihre Dokumentation posten. Selbst teilgenommen habe ich nur an zehn.

Es muss ziemlich schön sein, diese Entwicklung zu beobachten? 

Ich denke für viele junge Künstler ist das die erste Erfahrung mit Ausstellungen. Ich finde es ist wichtig, seine Kammer zu verlassen und seine Erfahrungen mit anderen Menschen zu teilen. Der Bildschirm kann einen Menschen auch ziemlich unsozial machen. 

Um an das vorherige Gespräch über deine Inspiration anzuschließen. Sammelst du Comicromane? Begeistern dich Mangas, ist das irgendwie Teil deiner Arbeit?

Nein. Als ich noch jünger war, war ich in dieser Welt zu Hause. Aber jetzt nicht mehr. Ich besuche viele Museen und schaue mir viele Filme an. Aber ich sammle nicht. Ich besitze nicht gerne, ich gehe lieber zu Orten und schaue mir dort die Dinge an. 

Ein weiterer Grund, warum du Browser Kunst magst?

Ja. Es ist eine Art Obsession, Besitz zu reduzieren. Ich habe gerne Geld, aber ungern Besitz. Ich liebe den Gedanken, überall und jederzeit hingehen zu können, so wie ich es will. 

 

Lukas Kubina

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