Keine
Ahnung

Letztes Mal, als wir uns trafen, hattest du mir erzählt, dass du mit Herbert List in Tanger warst, wann war das denn?

Das war 55, 56 nein 53, 54, ich war 18

Wie kamst du dahin? 

Mit dem Auto, da gabs keine Autobahnen, viele Sandstraßen, es gab viel Strecken am Meer, da ist man oft durchs Wasser gefahren...

Also wie war Tanger?

Wie war Tanger? Gefürchtet, gefährlich, man sagte, da gibt es viele Gangster, das hatte etwas unheilvolles, aufregendes....Tanger war eine internationale Stadt, dann kamen die Russen, die Amerikaner, die Franzosen, die Engländer, die Belgier, die Dänen, das war alles unter internationaler Verwaltung. Die Engländer waren ja auch in Gibraltar, gleich gegenüber, da dachten sich die anderen wohl, aufpassen, damit die nicht auch noch auf der anderen Seite sind... 

Und?

Ich habe das alles nur schwarz weiß in Erinnerung, nicht besonders farbenfreudig, die Häuser waren weiß, die Kaspar, sehr viele Leute in Tracht, diese Wasserträger, es gab einen Puff für Jungs, da waren so 30, 40 kleine Jungs drinnen, das dementsprechende gab es auch für Mädchen, das hat sich aber mehr bei diesem Dänen, Andersen hieß der, abgespielt. Waren das 2 Dänen, oder 2 Schweden, bin ich mir nicht mehr so sicher – der eine hatte einen Nachtclub und der andere hatte die größte Bibliothek in der Stadt – der hatte kleine Berbermädchen gesammelt, von denen liefen so 30 immer rum...

So, so...

da lebten viele verrückte Leute, diese Barbara Hutton, die hatte da einen Palazzo, dann gab ́s einen dicken,fetten Engländer, der nannte sich pilar of the church, der meinte mit church die schwule Kirche, dann gabs einen sehr netten Franzosen, der hieß CHEFRON, der hatte einen Antiquitätenladen, da war ich sehr gern, da saßen alle rum, und haben Joints geraucht, ohne Ende, und dann gabs den Kanadier, Brian GEYSON, der Maler war, dem gehörte das MILLE UNO, das war auch so ein ein alter Pallazo, der hatte eine Sammlung an Schlangenbeschwörern, Feuerschluckern, Akrobaten und eine Jungstanzgruppe, die immer im Block auftrat, so was habe ich nur noch einmal in Bayern gesehen, da gibt’s ja so was auch..

Aber selten

...die alle miteinander tanzten, dann natürlich Mädchen mit Schleiern und allem drum und dran...

Wie stellt man sich das vor, du und Herbert List in Tanger, ihr trefft euch beim Frühstück und Herbert sagt, also Roger, was machen wir heute?

Nein, nein, der kannte da schon viele Leute.

Hast du denn dort viele Fotos gemacht?

Nein, ganz wenige Fotos, ich war in einer kleinen Pension, und habe da gerne vom Balkon aus das Treiben beobachtet, fotografieren hab ich mich nicht trauen, die Marokkaner waren unglaublich aggressiv gegenüber Fotografen 

Warum?

Keine Ahnung, Abbild der Seele, so was.

Habe ich auch schon mal im Senegal erlebt, Fotoapparat raus, und sofort gabs Ärger.

Ja, ja...das war dort auch der Fall, auf der Stelle Ärger, da konntest du nur sehr mühsam Bilder machen, dem Herbert List hatte mal einer mit voller Wucht in den Hintern getreten – das war wie man sich kleine Städte in Deutschland vorstellt, aus jedem Fenster guckt einer, da bist du dauernd beobachtet worden, Unmassen von Menschen...

Aber auch viele Europäer, Amerikaner?

Ja, eine ziemlich kultivierte Clique von Leuten, die da aus irgendwelchen Gründen hinflüchtete, vielleicht weil sie dem Haschisch zugetan waren, und dieses MIJOUN, eine ganze Menge Amerikaner, eigentlich war das vor den Beatniks, aber auch so eine Art Subkultur

Und Paul Bowles?

Der hatte da ja nicht nur geschrieben, sondern auch viel komponiert, hatte auch einen sehr großen Bekanntenkreis, SAM PAVOER, Visconti...er war damals schon recht bekannt, war ja auch eine Zeit lang verheiratet, mit einer Amerikanerin, die auch eine sehr gute Schriftstellerin war, die haben sich dann aber auseinander gelebt, sie hat sich einen Freund gesucht, und er hat sich auch einen Freund gesucht.....wie kann man nur beschreiben, was da eigentlich los war....man ging hin und her, ging in die Teestube, am Strand gabs riesengroße Höhlen, das hies so was wie „die Säulen der Giganten“, man war voll beschäftigt mit Nichtstun.....es war erstaunlich einfach dort zu leben.

Und das Geld?

War ja alles so billig, Zimmer eine Mark. Ich hab manchmal beim Brian GEYSON, hinter der Bar gearbeitet, und gelegentlich, wenn einer der Tanzjungs ausfiel, hab ich auch getanzt, schwierig, schwierig, sehr komisch, weil mir der Rhythmus sehr fremd war....in dieser Zeit habe ich einen Mann kennengelernt, er war Professor von irgendeiner amerikanischen Universität, der fragte mich, wie gut ich denn Europa kennen würde, na bestens, habe ich gesagt, ich war schon überall, das war natürlich geschummelt. Der Professor, leitete diese Stop Tours, Student Tourist Operation, irgend so was, die hatten in Deutschland vielleicht 60 Cadillacs, suchten Fahrer und meistens waren es die Eltern der Studenten, die da herumgefahren wurden.

Du hast den Job als Fahrer bekommen?

Ja, er fragte ob ich Lust habe, das zu machen, ich sage ja, sagt er, dann hol ein Auto aus Amsterdam.

Wie, ein Auto aus Amsterdam?

Naja, da stand das Auto, also bin ich per Anhalter da rauf gefahren.

Von Tanger?

Irgendwie bin ich da schon hingekommen, ein riesiges Auto abgeholt und wieder runter....in Tanger warteten schon 6 Leute samt Gepäck, und dann ging die Reise los. 

Wohin?

Von Tanger durch Spanien, Monte Carlo, Nizza, über Genua nach Venedig, Florenz, Rom, was für einen Fahrerei, damals hat man ja am Tag selten mehr als 300 Kilometer geschafft. Gelegentlich gab es Stopps in kleinen Hotels, in Spanien, oftmals gab es keine Hotels, haben wir im Auto geschlafen, oder daneben, ansonsten waren wir immer in den besten Hotels. Ich glaube, uns Fahrern ging es manchmal besser, als den Kunden, die Hotels haben uns sogar teilweise Geld zugesteckt, damit wir wiederkamen...

du warst immer alleine unterwegs?

Immer alleine, und eben die Fahrgäste, die mir zugeteilt wurden, das waren immer Amerikaner, in meinem Auto waren mal diese Geschwister, die eine...Nancy....die war mir sehr zugetan...

Oh

Ja, leider endetet alles irgendwann mit einem Unfall in Nizza, nichts schlimmes passiert, aber da stellte sich heraus, dass ich den falschen Führerschein hatte, man hätte so was wie einen Taxiführerschein gebraucht.

Und dann?

Dann gings zurück nach München.

Hmm

Irgendwann habe ich Fotos zur Photokina geschickt, da gabs Preise zu gewinnen, und ich habe gewonnen, Jugend fotografiert hieß das, 54 war das, Herr Professor Heuss, damals Bundespräsident, hat mir den Preis überreicht.

Das war in Köln?

Ja in Köln, da bin ich auch erstmal geblieben, wohnte erst in einer kleinen Wohnung, hatte ein paar Kontakte, habe fotografiert....Illustrierte Heute, das war eigentlich besser als der Stern, Neue Revue, die Süddeutsche Zeitung, Kölner Stadt Anzeiger.... Köln war ja voll mit Ruinen, Ruinenfotos, irgendwelchen Mistkram, was man so macht....ein paar Fotgrafen kamen da zusammen, dann gab es diese Gewerkschaftszeitung „Aufwärts“, Willi Fleckhaus war dort Grafiker....

Der Willi Fleckhaus?

Ja, ja, eigentlich war das alles sehr einfach, es gab nicht so viele Fotografen, alle waren sehr interessiert...diese Fotografen, diese Gruppierung, wir haben angefangen ein bisschen anders, als die anderen zu fotografieren, der Kitsch war raus, wir haben dann das TWEN gegründet....

das war neu?

Total neu, irgendwann gabs mal einen Bruch in allen Zeitungen, das war nachdem TWEN rauskam, hat den Illustriertenmarkt verändert, meistens war der Berater der Herr Fleckhaus, der hat z.B. das Q das die Quick damals hatte neu gemacht...wie ich später feststellte, war das das Q vom Querschnitt, das war eine sehr berühmte literarische Zeitschrift in den 30ger Jahren, die lag beim Herbert List herum, da hat sich das der Fleckhaus, glaube ich abgeguckt, da bin ich mir so sicher wie nur was....

Und TWEN? 

...was wir da alles gemacht haben, manchmal war das wie ein Club, man kam und saß zusammen, jeder hatte eine Idee, wenn die nicht genommen wurde war das auch nicht so schlimm, Geld gabs sowieso keins, dies Problem fiel schon mal weg...wir sind durch die Toscana gefahren und haben Bauern gefragt, was ihre alten Höfe kosten, z.,B. 5000 Meter Grund, kostet 18 Tausend Mark, das haben wir dann in der Twen angeboten, sind alle verkauft worden, das man in einer deutschen Zeitung so was anbietet, das gabs damals nicht, oder Gerd Nickstadt, der machte Nicks Menshop auf, da gabs einen in Berlin einen in München und einen in Sylt. Dann hatten wir die Idee das man eine Hose macht, Zeichnung, ein Foto, das hieß Nicks Hose, oder Nicks Jeans, und das konnte man im Twen kaufen, oder nachmachen, wenn man wollte, war ja auch das Muster im Heft.

Was war das denn für eine Zeit, damals?

58, 59, 60...das war eine Zeit da ist viel passiert

War das nicht auch die Zeit von Heinz Rühmann?

Absolut! Ich hab diesen Mann gehasst! Ich fand den grauenhaft, ein verheerender Mann...das war für mich der absolute Ausdruck von Spiessigkeit, den mochte von den jungen Leuten niemand...eine fürchterliche Gestalt

Ach so.

Damals kamen aber auch die Beatniks hoch, Lederjacken, Stiefel, Blue Jeans, Motorräder...

Lass uns doch noch mal zu Twen zurückkommen

Es war nicht so, dass wir uns zusammengesetzt hätten und gesagt haben, wir machen ein neues Heft.

Sondern?

Da gabs einen Mann, der hieß Theobald, der hatte eine Zeitschrift, „Student im Bild“ gegründet und dann gab es Christa Peters, die für Wormland eine Modeserie fotografiert hat, die TWEN hieß, es gab Twenmoden bei Wormland, die mussten fotografiert werden...

Twen ist ja ein englisches Wort.

Na klar, damals gabs hier überall Amerikaner, sehr present überall, in München gabs am Hauptbahnhof 10 Lokale, da waren nur Amerikaner drin, die waren überall, in Cafes, in Jeeps, massenhaft...die englische Sprache war nichts Fremdes.

Wie war das für dich....eine Bereicherung?

Ich bin ́36 geboren, ich erinnere mich an die Amerikaner, die ersten habe ich in Amberg Oberpfalz gesehen, den allerersten habe ich bei einer sehr merkwürdigen Handlung gesehen. Wir wohnten in einem Haus, da war unten eine Konditorei drinnen, mit einem großen Schaufenster voller Bahlsen Kekse, aber leere Packungen, Dekorationspackungen, ich weiß nicht warum, denn die Amerikaner hatten ja genug zu essen, da sah ich einen großen GI, einen Schwarzen, und der hatte ein riesen Messer, so ein Sturmmesser, und der versuchte den Kit aus dem Fenster rauszumachen, um die Scheibe rauszulösen, dann kam die Frau Raab, der gehörte das Haus, von der anderen Seite ans Fenster, und der Amerikaner erschrak so, dass er sofort wegging.

Jetzt aber wieder zurück zum TWEN.

Wie gesagt, Theobald hatte den Auftrag von der CDU eine Jugendzeitschrift zu gründen...sollte erst „Feuerkreis“ heißen, dann kam eben Christa mit den Twenmoden, und so haben wir es dann TWEN genannt....das erste Heft wurde fabriziert, vorne war ein Foto von Reinhard Wolf drauf...alle haben erstmal umsonst gearbeitet, das erste Heft war sehr merkwürdig, denn da waren entweder Fotos drin, die ich gemacht habe oder Fotos, die Christa gemacht hat, auf denen ich zu sehen bin.....Hutmoden. Das Heft hat uns alle sehr populär gemacht, alle haben sich das angeguckt.

Du hast aber auch Filme gemacht?

Ja, der erst hieß Zimmer im Grünen, mit Klaus Neu.

Wer was das denn?

Klaus Neu war Schneider, er hatte ein Schneideratelier in Düsseldorf, wo alle wohlhabenden Damen, die irgendetwas extra haben wollten, hingingen. Klaus Neu war ein kleiner, zierlicher Mann, so wie man sich eben ein Schneiderlein vorstellt und der hatte immer etwas ängstliches an sich, das hat mich sehr fasziniert. Jedesmal wenn ich von Köln nach Düsseldorf auf der Autobahn fuhr, kam ich an einem kleinen Haus vorbei, das stand da direkt an der Autobahn, halber Meter von der Fahrbahn entfernt.

Das Haus für den Schneider?

Ja! Wenn man Klaus Neu ist und in diesem Haus wohnen würde, was für eine Katastrophe das sein muß...da wollte ich einen Film draus machen, also bin ich da mal, hab das Zimmer unter dem Dach angesehen, da fuhren die Lastwägen direkt am Fenster vorbei, und hab Klaus Neu überredet. Den Leuten, die da im Haus wohnten, habe ich jeden Tag Kuchen mitgebracht, Kuchen, Kaffe, die haben sich gefreut, dann habe ich angefangen zu drehen. Klaus Neu wurde in dem Film immer wahnsinniger, Autowahnsinnig, Automobile, das ganze Zimmer wurde immer automäßiger, und irgendwann gibt’s auf der Autobahn keine Auto mehr, die wurde geschlossen und dann dreht er wirklich durch und schlägt alles kaputt.

Du hast dafür den Bundesfilmpreis bekommen.

Ja.

Wie war das mit Visconti?

Ich hatte einen Auftrag in Paris, ich sollte Romy Schneider fotografieren, wir waren dann alle beim Essen, Romy Schneider, Visconti, Alain Delon....und mit Visconti habe ich mich übers Filmemachen unterhalten.

Auf Italienisch?

Ne, ne....Visconti konnte übrigens sehr gut deutsch, die Viscontis hatten immer deutsche Kindermädchen. Wir haben Englisch gesprochen.

Gab es damals schon den Neorealismus

Naja, Visconti war eigentlich selbst so eine Filmbewegung, de Sica, Visconti, später kam dann auch Fellini dazu, Visconti war ja auch ein großer Opernregisseur, es gab kaum eine Oper der Callas, die nicht vom Visconti inszeniert war, er hatte ja eigentlich die Callas aufgebaut... ein paar Jahre später rief er mich an, weil er für „SALOME“ von Strauss einen deutschsprachigen Regieassistenten brauchte.

Gefiel dir diese Musik?

Nein, zur Oper hatte ich gar keine Beziehung, ich habe ganz andere Musik gehört, ich fand das eine sehr verkitschte, zu dramatische Musik, Mahler hat mir gefallen, das war aber was ganz was Anderes.

Erzählst du noch ein bisschen von München?

Die meisten Illustrierten waren in München, Revue, Quick, Madame, eine ganze Reihe an Verlagen, viele Fotografen waren da, ich hatte ein Wohnung, da war immer Betrieb, war aber nicht nur bei mir so, man saß viel zuhause rum, hat viel Wein getrunken und über irgendwelche Projekte gesprochen....

Tut mir leid, ich habe keine Zeit...

Sowas gabs damals nicht, nichts dergleichen, man wollte ja auch nicht dauernd im Cafe sitzen...oder George Moors, der hat mir die Musiktexte für „Jet Generation“ geschrieben, dann gabs eine Band, die hießen die Joints, die spielten hier im Big Apple, gegenüber vom Nest, das waren Engländer, und der George schrieb die Texte für die Joints, die wurden dann irgendwann die Supertramps, die berühmten Supertramps.

Musik war wichtig?

Enorm wichtig, irgendwann gabs ja dann auch diese Psychodelik Musik, die große LSD Zeit

Wir nehmen alle einen Trip und dann schaun wir mal, was passiert?

Na ja, so wars nicht, schon mal ausprobiert, da kam ein Philosophiestudent und der gab uns allen LSD, wir haben eine Schreibmaschine hingestellt und alle fürchterlich schlau dehergesabbelt und einer hats aufgeschrieben, am nächsten Tag war das alles natürlich nur Scheiße, hat nicht funktioniert, nichtverständlicher Kaudawelsch, so ging das Arbeiten nicht.

Hattet ihr auch was mit der Kommune 1 zu tun?

Das war was ganz was anderes, ich hatte mit denen nichts zu tun, andere Clique, ein bisschen politisch angehaucht, was ich aber nicht so empfunden habe, ich hatte das Gefühl, wir sind viel politischer, die wollten irgendeine neue Lebensform finden, habe ich nicht ganz verstanden...wir sind ja nicht nur rumgesessen. 

 

 

von Martin Fengel