50, 60, 70 - Architektur aus drei Jahrzehnten im Münchner Stadtbild

Ein Stadtbild ist ein hochkomplexes Gebilde, das sich in stetigem Wandel befindet. Die Architektur einer Stadt spielt dabei eine wesentliche, wenn auch nicht ausschließliche Rolle. Auch das Münchner Stadtbild verändert sich. Neue Bedürfnisse, steigende technische Anforderungen und Standards erfordern laufend Anpassungen oder sogar den Austausch von Gebäuden. Vor allem in den bereits dicht bebauten Bereichen der Stadt innerhalb des Mittleren Rings bedeutet dies, vorhandene Strukturen zu erneuern. In vielen Fällen betreffen die Transformationen Gebäude der 50er-, 60er- und 70er-Jahre. Die große Anzahl der Stadtbausteine aus dieser Zeit lässt diese leicht als austauschbare Masse erscheinen, ohne dass ihre Qualitäten differenziert betrachtet werden. Doch was macht München zu München? Welche Bedeutung kommt den baulichen und stadträumlichen Schöpfungen der drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich zu? In welchem Umfang und auf welche Art prägen sie den Charakter der Stadt?

Durch die Behebung der großflächigen Kriegszerstörungen in den 50er-Jahren und die rapide bauliche Entwicklung der Stadt in den 60er- und 70er-Jahren ist der quantitative Anteil der Nachkriegsarchitektur an der baulichen Substanz Münchens unüberschaubar groß. An seiner Präsenz gemessen könnte man annehmen, eine Untersuchung dieses gewaltigen baulichen Erbes sei eine Selbstverständlichkeit. Und dennoch wird diesem Aspekt Münchens trotz oder gerade wegen seiner Allgegenwärtigkeit eine vergleichsweise geringe Aufmerksamkeit zuteil. Gleichzeitig stellen diese drei Jahrzehnte weder in gesellschaftlich-wirtschaftlicher noch in architektonischer und stadtplanerischer Hinsicht eine homogene Epoche dar. Im Gegenteil: die 50er- bis 70er-Jahre waren eine Zeit mit rasanten Entwicklungen und Veränderungen in allen Lebensbereichen. Architektur und Stadtplanung blieben davon nicht unberührt – so unterschiedlich die wirtschaftlichen, technischen, historischen, politischen, kulturellen und sozialen Umstände zwischen 1945 und 1979 waren, so verschieden waren auch die planerischen Ideale und Paradigmen und deren Umsetzungen im Stadtbild.

„Learning from the existing landscape is a way of being revolutionary for an architect. Not the obvious way, which is to tear down Paris and begin again, as Le Corbusier suggested in the 1920s, but another, more tolerant way; that is to question how we look at things. (...) We look backward at history and tradition to go forward; we can also look downward to go upward. And withholding judgement may be used as a tool to make later judgement more sensitive. This is a way of learning from everything.“
Robert Venturi, „Learning from Las Vegas“, 1972

War man in den 50er-Jahren noch überwiegend mit der Wiederherstellung der verlorenen Stadt und der mehr oder weniger sanften Anpassung ihrer Struktur an neue Bedürfnisse und Vorstellungen beschäftigt, so lässt sich gegen Ende der 60er-Jahre bereits ein stärker ausgeprägter Individualismus in der Gestaltung und eine städtebauliche Experimentierfreudigkeit feststellen. Eine bedauernswerte Gemeinsamkeit der Architektur dieser drei so unterschiedlichen Jahrzehnte liegt aus heutiger Sicht allerdings in der gleichgültigen bis negativen Bewertung durch die Öffentlichkeit. Im besten Falle als praktische Gebrauchsarchitektur geschätzt, wird ihr der Rang einer baukünstlerischen oder gar kulturellen Leistung, die es zu bewahren gilt, nur in den seltensten Fällen zugesprochen. In der Konsequenz wird dieses Erbe meist voreilig, zumindest aber unbedacht dem technischen und ökonomischen Entwicklungsdruck preisgegeben, der auf einer begehrten Innenstadt wie der Münchens lastet. Dieses Schicksal ist – mit Ausnahme akademisch geadelter Einzelfälle – den meisten Bauwerken der 50er-, 60er- und 70er-Jahre gemein. Erstaunlicherweise kann selbst der Eintrag in die Denkmalliste manches Gebäude nicht vor dem Abriss bewahren, wenn der wirtschaftliche Druck durch den Münchner Immobilienboom zu groß wird.

Die Stadt München, wie wir sie heute kennen, verdankt ihren Charakter zu einem beträchtlichen Teil den Bauten und Planungen jener Jahre. Dieses Erbe ist vielerorts vom Verschwinden bedroht. Es ist Zeit für ein Plädoyer für eine neue Wertschätzung, eine differenzierte Betrachtung und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der für München grundlegenden Architektur der Zeit zwischen 1950 und 1979. Denn die Bausubstanz Münchens hat zwei Dimensionen: sie ist einerseits natürlich eine wirtschaftlich-technische Ressource aber allem Voran ist sie städtisches Kulturgut, über das wir reden müssen. Die Diskussion über die Stadtentwicklung fordert daher von allen Beteiligten eine historische Perspektive, eine Weitsicht, die über das heutige subjektive Empfinden hinausgeht. Denn für eine Stadt hat das Gewachsene eine höhere Bedeutung als das „Schöne“. Es gilt die Bedeutung dessen zu erkennen, was zwischen den Denkmälern steht. Menschen ziehen nicht nach München wegen der Feldherrenhalle oder dem Nymphenburger Schloss, sondern wegen Schwabing, Sendling, Giesing. Was macht aber diese Viertel aus? Größtenteils die „Häuser im Hintergrund“. Die Nachkriegszeit beherrschte noch die Kunst diese Häuser zu bauen. Nachhaltig denken heißt nicht nur nach vorne schauen, sondern vor allem auch sehen was wir heute haben, das Geleistete wertschätzen. Diese Haltung ist essentiell, um dem natürlichen und auch notwendigen Wandel der Stadt mit einem geschärften Bewusstsein für ihre konstituierenden Bauten und deren mögliche Potenziale zu begegnen.

 

Alexander Fthenakis

Alexander Fthenakis ist Architekt in München. Sein Buch "50 60 70 Architektur aus drei Jahrzehnten im Münchner Stadtbild“ erschien am 27.6.2017.