Adam
Smith

Ab 2020 brechen für Adam Smith wiederum harte Zeiten an. Sein Portrait auf der 20-£-Note – neben dem 50er der beliebteste Geldschein Großbritanniens – wird durch William Turner ersetzt, Maler von Bildern wie „Sunrise with Sea Monsters“ (1845) oder „Rain, Steam and Speed“ (1844). Verdrängt hier die Kunst einmal mehr den Kommerz und zwar auf dessen ureigenstem Terrain? Für Adam Smith selbst ist die posthume Ausbootung nur eine weitere Widrigkeit des (Vor- und Nach-)Lebens – die ihn allerdings 230 Jahre nach seinem Tod nicht weiter umhauen dürfte.

Im Frühsommer 1723, als Adam Smith das Licht der Welt im schottischen Kirkcaldy erblickt, war das Schlamassel bereits losgegangen. Wenige Wochen vor der Geburt stirbt sein Vater, ein strenger Zollbeamter, von dem Adam nichts erbt außer einen biblischen Vornamen und der doch stets eine unsichtbare Richtschnur bleibt. Adam, der erste Mensch, ist allein mit seiner trauernden Mutter. Er ist ein Kind, dem schon bald die nächste Katastrophe widerfährt. Entführt wird Adam von Räubern, die seiner allerdings bald überdrüssig werden und ihn bald frei lassen. Glück im Unglück? Oder Zurückweisung? Nicht einmal Lösegeld scheint Adam wert zu sein.

Adam entwickelt sich fortan wunderlich: Er hatte Absencen, Krankheiten und eingebildete Freunde, mit denen er lange Gespräche führt. Immerhin, seine schulischen Leistungen leiden nicht. Mit siebzehn bekommt er ein Stipendium und geht nach Oxford, wo ihn jedoch bald Heimweh plagt. Hinzu kommt Liebeskummer: Adam hält um mehrere Hände an, doch alle Anträge werden zurückgewiesen. Geschlagen kehrt Adam nach Kirkcaldy zurück. Niemand erwartet ihn hier, außer, noch immer, die Mutter. Es folgen zwei Jahre Arbeitslosigkeit.

Nur mit Mühe und dank Beziehungen der Großeltern kann Adam dann 1751 eine schlecht bezahlte Arbeit an der Universität in Edinburgh ergattern. Er ist nun Professor, nicht unbeliebt, aber doch bald das Ziel von Gespött. Sein verschrobenes Aussehen, nervöse Zuckungen, immer noch die Neigung zu Selbstgesprächen, eine fast klassische Zerstreutheit. Eines Tages wird Adam 24 Kilometer von seiner Wohnung entfernt im Nachtrock aufgegriffen. Keiner weiß, wie er dahin gekommen ist.

Ungeachtet dieser praktischen Schwierigkeiten schreibt Adam an seinem ersten größeren theoretischen Werk: 1759 erscheint „The Theory of Moral Sentiments“. Hier zeigt sich Adam aller Unbill zu Trotz als Menschenfreund. Mitgefühl und Sympathie prägen den Menschen, so Smith, eine innere moralische Kraft. Der Mensch habe die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen und sich selbst zu hinterfragen. Er sei daher von Grund auf gut, egal ob man es an seiner Oberfläche sieht oder nicht. Diese Sichtweise bringt Adam zwar Ansehen ein; boshafte Anekdoten machen aber weiter die Runde: Smith habe sich Butter in den Tee statt auf sein Brot geschmiert und dann die Tasse mit Widerwillen getrunken.

Im Jahr 1764 beschließt Adam, des Geldes wegen, seine Professur niederzulegen. Er wird Tutor von Henry Scott, Duke of Buccleuch. Zusammenreist man durch Italien und Frankreich; in Toulouse - Toulouse is hard – bleiben sie 15 Monate. Gelangweilt vom französischen Lebensstil und der französischen Sprache nicht mächtig, beginnt Adam sein zweites Werk zu schreiben, das zehn Jahre später erscheint.

Mehr als tausend Seiten – doch die Leser der ‘Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations’ picken sich nur ein paar Passagen heraus. Berühmt ist Adams Hinweis, dass der Eigennutz von Bäckern und Metzgern mehr zur Versorgung der Bevölkerung beitrage als jede Form der Großzügigkeit; klassisch ist das Bild der „unsichtbaren Hand“, die in einer Marktwirtschaft nicht nur Angebot und Nachfrage, sondern auch individuelles Gewinnstreben und gesellschaftliche Wohlfahrt ausgleicht. Adam gilt plötzlich als Begründer des ökonomischen Denkens, als Verfechter einer liberalen, unregulierten Ökonomie.

Dass Adam eigentlich viel mehr sagen wollte, ist fast schon geschenkt – zumal seine Schicksal eine weitere Wendung nimmt. Gerade noch als Verfechter von Freihandel zu Ruhm gekommen, wird er zum Handelskommissar von Schottland ernannt, um in dieser Position Zölle einzutreiben. Vom ersten Mensch ökonomischer Theorie wird Adam nun zum Mann der Tat. Plötzlich in die Fußstapfen des Vaters getreten, widmet er sich mit Begeisterung dem Kampf gegen Branntweinschmuggler. So muss man sich auch diesen Smith als glücklichen Menschen vorstellen.

Bei Amazon.de wird der „Wohlstand der Nationen“ heute mit 4,1 von 5 Sternen bewertet.

 

von Jonas König