Der
Neue
Flaneur

von Lukas Kubina (MVMENT)

 

 

„Cars are just a fad“. Das Pferd werde sich durchsetzen, das Auto sei nicht mehr als eine Mode Erscheinung. So hat 1903 eine Bank ihren Kunden von Investments abgeraten. Dann kam es anders. Das Auto hat über ein Jahrhundert geprägt und wurde das Symbol des Fortschritts. Der Personenkraftwagen ermöglichte es dem Einzelnen, am Zeitalter der Beschleunigung teilzunehmen. Ist es Zeit, umzusatteln?

Im Autokino die Fenster schließen und einen Joint rauchen, mit dem Partner einen abgelegenen Parkplatz ansteuern, die Produktion des perfekten Mixtapes für den Roadtrip, diese Beispiele mögen trivial sein, ihre Bedeutung war enorm: das Auto war das Symbol der großen Freiheit, der Rebellion, der Identifikation, der individuellen Unterwerfung der Distanz. Diese Kulturtechniken scheinen auszusterben. In den USA wünschen sich in den Ballungszentren bereits mehr Jugendliche die Kreditkartendaten der Eltern - für das Uber Konto - als Führerschein und PKW. Überhaupt scheint sich kein Millenial mehr für das eigene, motorisierte Statussymbol zu interessieren. Im Westen kühlt die automobile Emotionalität ab und die Kräfte verschieben sich. Zugang schlägt Besitz.

„Feinstaubalarm, Dauerstaus, Parkplatzsuche, Lärm und kaum Platz für Fußgänger und Radler: Das sind die Folgen der Massenmotorisierung. Die autogerechte Stadt ist ein längst überholtes Leitbild aus den 1960er und 1970er Jahren, doch die Ergebnisse seiner Umsetzung spüren wir heute mehr denn je (Weert & Knie, 2017).“ Die automobilfreundliche Politik hat den Raum unterjocht und dessen Aufenthaltsqualität gemindert. Darwinismus prägt die Stadt. Fußgänger sind auf schmalen Bürgersteigen marginalisiert. Fahrradfahrer leben riskant. Autofahrer nutzen öffentliche Straßen für private Zwecke. Sie machen dabei Lärm, gefährden andere Verkehrsteilnehmer und beanspruchen Platz. Selbstverständlich, ist ja Naturrecht. Es ist ein seltsames Recht. Während die Urbanisierung zu einem Anstieg der Mietpreise und zu sozialen Spannungen führt, steht ein Pkw durchschnittlich 94 Prozent der Zeit herum. Teures Blech auf kostbarem öffentlichen Grund.

Wird man in Zukunft auf diese Zeit mit Horror zurückblicken? Damals, als sich die Menschen im urbanen Habitat dem Auto unterworfen haben. Als sie lebensmüde Autos selbst steuerten? Als man im Stau regelmäßig die Nerven verlor und mit Michael Douglas in Falling Down sympathisierte? Die Unfallstatistiken sprechen dafür. Eine optimistische Haltung zu Künstlicher Intelligenz erst Recht. Selbstfahrende Autos sind bereit, vom Band zu rollen. Dass uns ausgerechnet eine weitere Technisierung von den Maschinen befreien wird, klingt zunächst kontraintuitiv. Untersucht man die Automatisierung jedoch nach Ethik, dem öffentlichem Raum und der verlorenen Zeit, sind zutiefst humanisierende Effekte und utopische Hoffnungen auszumachen.

 

“Reality is an AIDS-riddled whore.” Roberto Bolaño

 

Die Verkehrsordnung als Gesellschaftsvertrag

 

Künstliche Intelligenz kann Seuchen auslöschen und Schachpartien gewinnen. Was aber, wenn Maschinen moralisch komplizierte Entscheidungen treffen werden? Wer soll das Wertesystem für KI Software festlegen, die ethischen Standards setzten und programmieren? Das MIT Media Lab hat gemeinsam mit dem Berkman Center eine Initiative gegründet, um diese Implikationen im „Wagon-Problem“ Modell zu erforschen. Die driverless car Variante lautet: Als Programmierer entscheidet man in verschiedenen Variationen, wie das autonome Auto sich in einer unkontrollierten Situation verhalten soll. Überfährt es fünf Fußgänger? Oder reißt es das Lenkrad rum und tötet nur eine Person? Oder gar den eigenen Passagier? Dieses spieltheoretischen Modell arbeitet eine moralische Grundsatzfrage heraus: Schaden wir einer Person bewusst, um den Gesamtschaden zu minimieren? Das utilitaristische Prinzip würde vorgeben, dass ein Auto immer den Schaden minimieren muss. Nur wer würde ein Auto kaufen, dass in gewissen Situationen seine eigenen Passagiere tötet?

 

“If we reason that we want happiness for others, not for ourselves, then we ought justly to be suspected of failing to recognize human nature for what it is and of wishing to turn men into machines.” ― Wilhelm von Humboldt

 

Das Individuum opfert sich ungern für das Wohl des Sozialvertrags. Die statistischen Werte der Moral Machine belegen das. Software könnte man aber so definieren, dass alle Menschen radikal gleichbehandelt und das Moral Hazard Problem gelöst werden könnte. Zum Beispiel hinter Rawls Schleier des Nichtwissens. Hier entscheidet man in einer fiktiven Situation über eine künftige Gesellschaftsordnung, ohne seine Position in dieser zu kennen. Somit ist man auf der sicheren Seite, wenn man das Minimum maximiert. Die Unwissenheit verhindert, dass man sich einen Vorteil gegenüber der Allgemeinheit verschafft. Würde man die Verkehrsordnung analog gestalten, hätte man eine altruistische Utopie programmiert. Wie kompliziert der Weg dorthin tatsächlich ist, zeigen Empfehlungen der Ethikkommission in Deutschland (Juni, 2017): "Bei unausweichlichen Unfallsituationen ist jede Qualifizierung nach persönlichen Merkmalen (Alter, Geschlecht, körperliche oder geistige Konstitution) strikt untersagt. Eine Aufrechnung von Opfern ist untersagt". Bis Gott aus der Maschine steigt, wird also noch eine Weile diskutiert. In der Zwischenzeit kann man sich bereits über eine absehbarere Nebenwirkung freuen: Der Vehikel Mord, der seit Nizza als Terrorkonzept in Mode ist, wird den barbarischen Trotteln nur noch möglich sein, wenn sie die Software hacken können. Trifft das ein, wird es jedoch düster.

 

Der öffentliche Raum

 

Wenn wir Autos weder besitzen, noch selber steuern werden, welche Konsequenzen hat das für unsere Mobilität? Unsere Beziehung zum Raum? Und unsere Interaktionen in diesem? Die Industrie parliert vom dritten Raum. Arbeit, Heim und Auto. Eine Skizze eines bekannten Vertreters illustriert äußerst glücksbeseelt, wie das aussehen soll. Man schläft und arbeitet im Auto. Keine uncharmanten Business Hotels mehr, kein Flugmodus. 2015 hat uns ein Berliner Kumpel diesen dritten Raum während der Wiesn gezeigt. Als er sein Hotel nicht mehr finden konnte, kapitulierte er und mietete sich ein Drive Now, in dem er nächtigte. Smart. Als er aufwachte, konnte er sich wieder orientieren, und fuhr sein Hotel an. Vermutlich war das auf mehreren Ebenen illegal. Das ist aber nicht der Punkt. Bald werden uns die Autos um den Block fahren, damit wir besser einschlafen. Wie im Kinderwagen.

 

"I couldn’t sleep unless I was in a moving car, so my mom had to drive me around. All my memories of my mother are in motion, in her 60s Mustang driving through Beach Cities in California." Doug Aitken

 

Neben Baustellen sind Pkws die Hauptursache von Lärmverschmutzung. Sobald beispielsweise ein Lastwagen dem Volkstheater Bühnenelemente anliefert, hupen die Autofahrer vor meinem Fenster frenetisch. Ich hoffe, die Schmocks und ihr Krach werden verschwinden. Vernetzte, autonome Autos werden intelligent durch die Städte schwärmen anstatt sie zu verstopfen. Die letzten Warnsignale werden präzise auf den

Bedarf – Wetter, Situation, Uhrzeit, Umgebung, Geräuschkulisse, Richtung etc. – abgestimmt sein und sich in eine neue Symphonie der Stadt eingliedern. Dasselbe Auto wird in Rom um vier Uhr nachmittags anders klingen, als in Spandau um zwei Uhr morgens. Sonic Movement, ein Forschungsprojekt, dass künstlerisch vorschlägt, dass Elektroautos nicht mehr den Krach von Brennstoffmotoren zu imitieren oder seltsame Sci-Fi Töne abspielen, wird hoffentlich real.

 

"This city is what it is because our citizens are what they are" Plato

 

Nichts hat Städte so verändert wie das Auto. Genau das könnte jetzt wieder zu treffen. Der Raum kann für den Menschen, das wilde Tier in einer technisierten Welt, zurückerobert werden. Psychopathen haben keine Pferdestärken mehr, Parkplätze werden zu Gastgärten, Parkhäuser zu Wohnraum und die Straßenbeleuchtung wird endlich so ausgerichtet, dass wir nachts wieder die Sterne sehen können.

 

“When I was done traveling, I returned convinced of one thing: we're nothing.” Roberto Bolaño

 

Der neue Flaneur

Was bedeutet eine automatisierte Welt für den Menschen? Arbeitslose Juristen und Steuerberater? Sicher. Aber für die Menschheit? Werden es bizarrer Weise Maschinen sein, die uns davon erlösen, ihnen nachzueifern und sie zu imitieren? Liegt hier die Chance einer gründlichen Re-humanisierung? Seit Anbruch der digitalen Zeiten verläuft sich kein Mensch mehr. Mit dem Auto lässt man sich höchstens bei der Sonntagsfahrt treiben. Die Gouvernanten der Moderne ermahnen einen nicht zu trödeln. Diese Zielstrebigkeit ist blind gegenüber den psychogeographischen Konturen der Stadt, den ständigen Strömungen und Fixpunkten, die starke Anreize aussenden, gewisse Zonen zu betreten oder eben nicht (Guy Debord).

 

"All cities are geological and three steps cannot be taken without encountering ghosts, bearing all the prestige of their legends." Gilles Ivain

 

Unsere Welt befindet sich in einem Zustand der permanenten Nervosität. Autonome Mobilität könnte einem verhelfen, wieder den Weg wahrzunehmen. Es ist simpel. Wer sich nicht auf das Fahren konzentrieren muss, kann Beifahrer sein, aus dem Fenster blicken, das Straßenleben in allen Facetten wahrnehmen. Er kann sich von dem Gedanken, eine Distanz aktiv überwinden zu müssen, lösen. Stattdessen bietet sich ihm die Strecke in allen Einzelheiten an. Der Transit wird zur Informationssphäre. Die Autoscheiben erleben eine ikonische Wende. Der Pilot kann den Blick durch die Windschutzscheibe vom Verkehr abwenden, Passagier werden, und ihn auf das 360 Panorama einer Welt in Bewegung richten. Mein Kollege Fernando Ocaña war für die MVMENT Installation (Villa Stuck, 4.8.) über Wochen hinweg Beifahrer, um in Mexiko-Stadt Augenblicke filmisch einzufangen, die man nur in bewegter Position sehen kann. Dieses Privileg sollte jedem zu teil werden.

Betrachtet man die Stadt als Theater, säße man somit in der Loge. Betrachtet man die Stadt als lebendiges Museum, wäre das selbstfahrende Auto der Museumsführer und das Stereosystem der Audioguide. Durch Manhattan fahrend, würde man eine adaptierte Komposition von Philip Glass hören. In München liest einem das Radio Passagen von Oskar Maria Graf oder Karl Valentin vor. Je nach Präferenz. In einer Epoche, in der man mehr denn je erreichbar, gestresst und auf Tempo getrimmt ist, erlaubt einem das autonome Fahren paradoxerweise das Streben zum Ziel mit Zeit zu kombinieren. Zeit, in der man sich stimuliert, reflektiert und treiben lassen kann. Als Wanderer kann man „den Ballons gleich reisen“ (Baudelaire), das urbane Leben beobachten und wiederentdecken. Der neue Flaneur erblickt die Stadt.

 

 

MVMENT is a collective of artists and creatives that explore the impact of transportation on individuals, societies, their cultural expressions and vice versa. In alliance with their video performance at Villa Stuck (August 4th, 8 pm CET), this article coexists as an exhibition catalogue, too, presenting a few thoughts and findings that they have encountered in the cultural ripples of mobility in general - and their work in Mexico City in particular.

 

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