Die Leute
von der
Nussbaum - Ranch

Nach einem meilenweiten Ritt durch den Perlacher Forst, auf einer kerzengeraden und stinklangweiligen Straße, erscheint dem ermüdeten Radfahrer urplötzlich, wie eine Fata Morgana – die Nußbaum-Ranch. Einer Oase am Rande der Wüste Takla Makam gleicht dieser Ort, einer Karawanserei am Ende der Welt.

Woher dieser Kiosk, oder besser sagt man Standl, samt kleinem Biergarten den Namen hat, kann man nur vermuten. Sicher nicht vom bekannten Münchner Chirurgen Johann Nepomuk von Nussbaum, denn nach dem sind ja schon eine Straße und ein Krankenhaus benannt. Eher schon könnten die paar Bäume, die den Platz von der S-Bahntrasse und der Strasse abgrenzen, vielleicht Nussbäume sein. Wenns denn so ist, dann bin sicher, dass der Name entstanden ist, als in den 1960/70 er Jahren zwei amerikanische TV – Westernserien auch bei uns Furore machten. Da kamen zuerst „Die Leute von der Shiloh-Ranch“, und dann die Cartwrights von der Ponderosa- Ranch in der „Bonanza“ - Serie. Die Ponderosa ist eine Kiefernsorte, wie sie im Südwesten der Vereinigten Staaten wächst. Nach diesem Muster wäre der Name der Nussbaum-Ranch dann wohl gestrickt worden.

Das Angebot dort ist klassisch einfach und konzentriert auf die durchziehenden Radler ausgelegt: Weißwürste und Brezen, Leberkäs mit Kartoffelsalat, Steckelreis, Bier und natürlich das „Radler“. Mit dem „Radler“ hat es in dieser seine besonder Bewandnis: Fährt man nämlich die Linienstraße ein Stück weiter Richtung Süden, kommt man zur „Kugler-Alm“, einer Ausflugsgaststätte, die ihren Ruf vor allem der Legende verdankt, Geburtsort der „Radlermaß“ zu sein. Es sollen an einem heißen Sommertag im Jahre 1922 der Bierdurst von 1200 Radlfahrern nur zu löschen gewesen sein, weil dem Wirt Franz Xaver Kugler die rettende Idee kam, das knapp gewordene Bier mit Zitronenlimonade zu strecken. Das kann schon wahr sein, aber erfunden war diese Mischung schon längst. Die große bayerische Schriftstellerin Lena Christ erwähnt die „Radlermaß“ in ihren 1912 erschienenen „Erinnerungen einer Überflüssigen“. Sie hat sie als Kellnerin schon ums Jahr 1900 in einem Lokal am Rande des Englischen Gartens ihren Gästen eingeschenkt.

Man braucht schon einige Besuche, aber dann wird einem angesichts eines Biotops seltener Menschen mit höchst eigenartigen Gebräuchen schnell klar, dass die Nussbaum-Ranch der ideale Rahmen für eine Fernsehserie ist. Darum werden hier sechs Episoden einer allerersten Staffel kurz skizziert:

 

Episode 1: Giftige Schwammerl

 

Pilzesammler aus dem Perlacher Forst bringen ihre Funde zur Nussbaum-Ranch. Dort warten bereits als Abnehmer diverse Vertreter der gehobenen Münchner Gastronomie. Leider hat sich bei der letzten Lieferung ein Knollenblätterpilz eingeschlichen. Es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen ...

 

Episode 2: Gary zieht gen Italien

Gary hat seiner Frau erzählt, dass er mit seinen Spezln eine Radtour nach Italien macht. Sie starten auch wirklich in München, aber in Wirklichkeit warten in der Nußbaumranch die Geliebte mit Freundin, um die Crew in Autos zu verfrachten. Die Frau bekommt Wind von der Geschichte, und sticht allen in der Ranch geparkten Räder die Reifen auf. Der Wirt stellt einen Schwalbe-Automaten mit Ersatzschläuchen auf.

 

Episode 3: Tierleben

 

Eines Tages erreicht ein ortsfremder Reiter samt Pferd die Ranch. Zwar findet er nicht ganz das, was er sich unter einer Ranch vorstellt, aber der Wirt holt Wasser und Heu. Um die Szene zu toppen, kommt eine Truppe der real existierenden Klages` Bayern-Kamele vorbei. Eines der Kamele hat Durchfall, worauf der Kiosk einen Tag geschlossen bleibt.

 

Episode 4: Denkmalschutz

Der Wirt möchte erweitern. Das ruft den Denkmalschutz auf den Plan. Das Standl wird vermessen, genauestens dokumentiert. Stimmen werden laut und rufen nach der Anerkennung als Weltkulturerbe. Wirt reißt in einer Nachtaktion den Stand ab.

 

Episode 5: Adel auf´m Radl

 

Als Gäste der Ranch meldet sich die noble Vereinigung „Adel auf dem Radl“ an. Der Wirt schwitzt und überlegt, wie er zu diesem Anlaß sein gastronomisches Angebot verbessern kann. Beim Eintreffen der leger gekleideten Gruppe gibt es getrüffelte Weißwürste, Schubeck hat einen besonders gewürzten Leberkäs vorbereitet, und die Getränke nur von herrschaftlichen Herstellern: Thurn und Taxis, Graf Moy und ein Ludwig II-Bier aus Kaltenberg.

 

Episode 6: Gib Gummi oder Quäl dich, du Sau:

Krönender Abschluß der Saison ist ein Radrennen auf der Linienstraße „gegen die Uhr“, Start und Ziel ist die Nussbaum-Ranch. Diverse Mannschaften treten gegeneinander an: „80+“, „Die Raucher“, „Paulaner“ und die „Kugler-Alm“. Nach spannendem Verlauf gewinnen die Raucher. Werden disqualifiziert, weil sie heimlich e-Bikes benutzt haben. Es gewinnen die „80+“. Und erhalten einen Kranz aus Weißwürsten umgehängt.

 

Text: Wolfgang Till

Illustrationen: Martin Fengel