Pedazos
Mexicanos

Das ist die Situation: L. und seine Freundin machen eine Rundreise in Mexiko. Sie fliegen in einer Boeing 747. Zwischenstopp Atlanta. Sie kommen abends um 20.55 in Mexiko-Stadt an. Das Jahr in dem ihre Fahrt stattfindet ist 2017. Der Monat ist November, der blutigste Monat seit Beginn des Drogenkriegs. Nach einer ersten Nacht, an der sie nicht träumten, oder sich nicht erinnern konnten, ob sie träumten, treffen sie am día de los muertos ihre mexikanischen Bekannten in einer Mietwohnung im Haus des berühmten Architekten Alberto Kalach. Der Hausherr ist Mitarbeiter der lokalen UN Habitat. Seine Gäste sind Galerinas, Architekten, Journalisten, DJs und wohlbehütete Lebenskünstler. Dort trinken sie Mezcal und Bier, die ganz Verwegenen nehmen Pulver, das sie aus orangenen Donald Trump Figuren quetschen. In einer Ecke befindet sich ein Altar, eine ofrenda, die mit Porträt, gelben Blumen und Süßigkeiten der toten Großmutter gedenkt. Auf der Terrasse, im Wohnzimmer und im Bad stehen eingetopfte Kakteen und Agaven. Trotz des milden Klimas sind die Mosquitos lästig.

Ihre alten und neuen Bekannten sprechen über das Erdbeben und wie sie den Augenblick verbracht haben, als das Zeit Ort Kontinuum unterbrochen wurde. Sie berichten von ihrer freiwilligen Arbeit im Schutt und Schotter, dem Gestank von Verwesung, der Angst bei der ersten und zweiten Hilfe und dem Tod an jeder Straßenecke. Sie sprechen aber auch von großer Solidarität und dem seismischen Ruck, der durch die Gesellschaft ging. Und der Hoffnung, dass sich diese zu einer außerparlamentarischen Opposition erhebt, die sich dem verhassten Präsidenten Enrique Peña Nieto entgegenstellt. Diesem wünschen die Stiefkinder der Azteken Tod durch Häutung, Pfählung oder das Herausschneiden seines schwarzen, korrupten Herzens bei lebendigem Leib. Danach tanzen sie losgelassen oder schwärmen halbironisch von Kate de Castillo, einer Telenovela Heldin, die mit dem Chef des Sinaloa Kartells Joaquin „El Chapo“ Guzman und dem Hollywood Schauspieler Sean Penn an ihrem internationalen Ruhm feilen wollte, und sich nun mit dem Präsidenten anlegt.

In dieser Nacht geht L.s Telefon kaputt und seine Spur verliert sich. Wochen später fährt er in schmutziger Klamotte, braungebrannt und schlechtrasiert in einem Mietwagen, Modell Volkswagen Jetta, Baujahr 2006, mit seiner Freundin bei seinem Freund F. im Stadtteil San Miguel del Chapultepec in Mexiko Stadt vor. Nachdem sie sich geduscht haben, erzählt L. am Wohnzimmertisch von ihren Abenteuern. Die Reisenotizen sind weder chronologisch noch faktisch. Aber das Land gestattet, nein: verursacht die Imagination zwischen Monotonie und Magie. So hatte auch Hernan Cortez an den spanischen Hof berichtet. Teils um sich zu rechtfertigen, teils um sich strategisch in Position zu bringen. Und vielleicht auch, weil Pulque im Spiel war.

„Es ist ein seltsames Fahrvergnügen in Mexiko. Die Strecke zwischen Oaxaca und Puebla ist unfassbar schön. Die Berge, der plötzliche Vegetationswechsel, die Kakteenwälder. Aber auch sonst ist nichts normal an der Strecke. Die erste Mautstelle haben Bauern aus der Gegend gekapert und als Wegelagerer ihre soziale Maut eingetrieben. Vom Staat keine Spur. Ich glaube, wir haben uns für die gute Sache sogar ein paar Peseten gespart. Und dann die Ökonomie am Seitenstreifen. Von Tacos bis Schaukelpferden wird einem bei 100 km/h alles angeboten. Und sobald man ein vertrautes Autobahngefühl bekommt, muss man nur kurz in den Rückspiegel blicken, um zu sehen, wie Fußgänger die Fahrspuren seelenruhig und ohne Hast überqueren.“

L. spricht mit F. gerne von wechselnden Fortbewegungsmitteln und der Architektur, die sich aus diesen Bewegungen ergibt. Seine Freundin lässt sie palavern und zieht sich zurück, um sich auf die Nacht vorzubereiten. „In Mexiko beginnt der Tag mit einer Schusswunde“ setzt L. an und wechselt das Thema. Hinter den tausend Farben der Lebensfreude starrt einen Gewalt und Korruption gleichgültig an. Er erzählt von einer einfachen Taqueria in Acapulco. Dort saßen sie mit einem dickleibigen, verschwitzen Mann, der mit aufgeknöpftem Hemd und einer dicken Goldkette mit Kruzifix geduldig zwölf Tacos al Pastor verdrückte. Er wurde von drei Männern mit Pistolen bewacht. Der Taquero benahm sich unterwürfiger als sonst und wirkte nervös. Als die Bewaffneten das Lokal verließen, fiel die Spannung ab. Wenn man unschuldig ist, kann einen immer ein Querschläger treffen. Trifft einen Schuld, wird man erst misshandelt, um gleich noch eine Botschaft an seine Feinde zu senden, sagte der Taquero und bekreuzigte sich. Jetzt erst besorgt und sofort wieder erleichtert bestellte L. weitere Tacos „Campechanos“ und Quesadillas. Kurz darauf trat ein verkleidetes Paar durch das Loch in der Wand ein. Sie ging als Eva Braun. Er als Adolf Hitler.

Diese Bühne und sein Personal erscheinen L. surreal. „Only in Mexico,“ wiederholt er und sein Freund F. lacht und sagt, er glaubt, das ganze Land sei seit eh und je verrückt gewesen. Wen soll es wundern, wenn die Vorfahren dieser Stadt zweihundert Jahre umherirrten, weil ein Schamane Peyote gegessen hatte, und ihn die Vision überkam, das nomadische Volk der Azteken müsse sich dort niederlassen, wo ein Adler auf einem Kaktus sitzt und eine Schlange verzerrt. Das versprochene Zeichen fanden sie auf einer kleinen Insel im Texcoco-See. Hier gründeten sie dann ihre neue Hauptstadt Tenochtitlán, das heutige Mexiko-Stadt. Diese Schichten der Zivilisation, so F., sind nicht nur Archäologie: das prähispanische, das spanische, das revolutionäre und das moderne Mexiko leben nebeneinander. Und wenn diese Zivilisation zwei Tage nüchtern wäre, würde sie am dritten an Gewissensbissen sterben.

L. stimmt ihm zu. Sie waren in Matatlán, der Hochburg der Mezcal Produktion in Oaxaca. Liebevoll nennt er es das „Dorf der Besoffenen“. Kinder fielen von Fahrrädern und die Filiale der Anonymen Alkoholiker sei verriegelt. Ihr Taxifahrer brachte sie zur Palenque von Don Octavio Jimenez Monterosa. Er ließ sie Maguey knabbern und verschiedene Mezcal kosten, er zeigte ihnen seinen Ofen und alle zwei Minuten fragte er nach, wie sie gleich heißen und woher sie nochmal kommen. Die Mezcalmode hat einen Boom ausgelöst und der Gastgeber freute sich sichtlich, über den Goldrausch. Am Ende füllte er L. zwei Plastikflaschen mit Mezcal Ensambles auf, zum Freundschaftspreis, amigo, und verabschiedete sich heuchlerisch mit einer Weisheit: „El mezcal es para consumo sacro, todo exceso es profano.“

L. holt eine dieser Flaschen aus seiner Sporttasche. Sie konsumieren ihn andächtig, so wie von Don Octavio empfohlen. Es ist der Jahrestag der mexikanischen Revolution. Die Konversation dreht sich um Macht und Revolte, bis sie ihr Uber bestellen. An diesem Abend gehen sie zuerst auf die Mexican Fashion Week, später zum Konzert von La Sonora Santanera. „Die mexikanischen Stones“, verspricht F. und korrigiert sich. Die mexikanischen Strokes. „Ich werde nicht trinken. Oder doch? Jedenfalls keinen Mezcal.“ erwidert L., aus „Unter dem Vulkan“ von Malcom Lowry zitierend, lächelt und schenkt sich Madre Cuixe aus der Plastikflasche ein. Er trinkt sie in „kleinen Küssen“, so wie es ihm gelehrt wurde, und denkt an den Konsul und Popocatepetl, den Tequila Rausch in einer üblen Kantine in Puebla, an den Tod seines Onkels und an die Pyramiden von Cholula, auf die die Spanier eine Kirche gesetzt haben, an die Höhlenmalereien in Yugal, an die leeren Hotels in Acapulco, weil der Tourismus von der Angst vertrieben wurde, an die spektakuläre Architektur von Luis Barragán und das Gesamtkunstwerk von Mathias Goeritz, den die Nazis nicht erwischen konnten. Auf dem Weg zur Tür sagt er zu seiner Freundin. Leider fahren wir bald ab, bald fahren wir nach Hause. Und die borrachera beginnt.

Illustrationen: Martin Fengel

Text: Lukas Kubina