Schwarze
Sheriffs

Es müssen die späten 60er Jahre gewesen sein, Gringo, als der Geist der Unordnung durch die Stadt wehte. Langsam erst, doch dann immer stärker, fast schon ein Sturm. Nie zuvor gesehene Gestalten, Gammler, Gesetzlose. Plötzlich waren sie überall, in den Parks, den Saloons, bei den Pferdeställen. Manch einer traute sich kaum noch aus dem Haus, ausgestorben waren die Straßen, verlassen auch die neuen U-Bahnhöfe. München: Stadt in Angst. Doch Zeiten der Angst, Gringo, sind Zeiten für raue Männer. Und gute Zeiten, eine Hand voll Dollar zu verdienen. Carl Wiedmeier wusste das. Er rief seine Gefährten zusammen und gründete den Zivilen Sicherheitsdienst. ZSD. Genannt: die Schwarzen Sheriffs.

 

"Jeder normal empfindende Mann möchte gern eine Waffe haben", wusste Carl Wiedmeier. Und so gab er seinen Gefährten welche: Smith & Wesson. Trommelrevolver. Sechs Schuss. 38 mm. Dazu: Schwarze Schildmützen, Lederjacken, einen silbernen Stern auf der Brust. Die Sheriffs fuhren Opel Commodore. Keinen Ordinären: GS/E, 200 km/h schnell, Einspritzung Bosch D-Jetronic. Schwarz lackiert, natürlich. Klar, dass da manch Polizisten vor Neid die Trapper-Uniform platzte. In der kannst Du auch gleich mit einem Pekinesen auf Streife gehen, Gringo. Doch Aussehen ist nicht alles, wusste Carl Wiedmeier. Was zählt, ist Philosophie. Honor et iustita. ‚Ehre und Gerechtigkeit’ stand auf den Sternen der Sheriffs, und jeder der ihrigen erhielt eine Code-Nummer als Zeichen ihres Miteinander-Verschworen-Seins. Carl Wiedmeier, 010. Und die 010 stellte sich dem Sturm der Unordnung entgegen. Wanted: Bewachung der Münchener U-Bahn und des Olympiadorfs.

 

 

Carl Wiedmeier war lang in den Staaten, wo ein ganz anderer Wind wehte. „Einschlägige“ Erfahrungen sammelte er dort. Carl Wiedmeier war, sagt man, beim FBI. Außerdem: Meister aller Kampfsportarten. Carl Wiedmeier war der Experte für Sicherheit. Schon möglich, dass so einer anderes gewohnt ist. Wo gehobelt wird, fallen Späne, weiß er. Und die Schwarzen Sheriffs hobelten. Sie langten gut hin. Dass der Student ein paar fängt? Hätte er doch geschwiegen. Eine Faust in den Nacken; der Jugoslawe frisst Blei. Legende: angeblich gar ein Toter Ire, in der U2. Schon bald sind die Sheriffs selber gefürchtet, die Herrscher des Stachus-Untergeschoss’. Doch oben drüber, Gringo, herrscht immer noch Sturm.

 

In den späten 80er Jahren dann neue Veränderungen. Die Mauer fällt, hindurch bricht das Chaos. Banditen und Gefahren überall. Locker sitzen etwa bulgarische Messer. Carl Wiedmeier weiß das; neue Kräfte braucht er. Ex-Grenzer der DDR macht er nun zum Sheriff. Gut ausgebildet und willig sind die. Schon bald waren 90 Prozent der Sheriffs von „drüben“. Doch auch die helfen nicht, wenn der Feind von hinten angreift. Ein paar Obdachlose verdienen sich Prügel, und der rote Bürgermeister verbannt die Sheriffs aus der Stadt! Dort draußen, entfacht der Sturm seine letzte Böe. Carl Wiedmeier weiß das und stirbt 2013. Er ist vorausgeritten, Gringo.

 

 

Text: Jonas König

Aus der Serie "No City for Old Men"