Sonic
Movement

Fernando Ocaña

Die Zukunft macht es dem Menschen nicht einfach. Die Spannung zwischen dem, was kommt und was war, überfordert uns manchmal einfach. Man muss sich nur an Horsey Horseless erinnern: ein Fahrzeug, das im Jahr 1899 mit einer Pferdekopfattrappe versucht hatte, die Hysterie von jenen zu beruhigen, die nicht für den Übergang zwischen der Ästhetik der Kutsche und einer Kiste mit Rädern bereit waren.

 

Im Jahr 2009 beauftragte die Amerikanische Gesellschaft der Blinden, unterstützt von Vertretern anderer Gruppen, die als Fußgänger besonders autogefährdet sind, Präsident Obama, wissenschaftliche Untersuchung einzuleiten, die der Gefahr von Elektro- und Hybridfahrzeugen nachgingen. Das Problem ist einfach: Autos, die mit Benzin angetrieben werden, machen Lärm. Weil es in Ihrem Motor explodiert. Das Elektroauto arbeitet wie ein Computer.

Die Ergebnisse, die im Jahr 2010 von der National Highway Traffic Safety Agency (NHTSA) veröffentlicht wurde, stellten fest, dass es um 37% wahrscheinlicher ist, dass ein Fußgänger von einem geräuschlosen Auto überfahren wird, als von einem Auto mit Verbrennungsmotor. Die höhere Wahrscheinlichkeit klettert weiter auf 66% für jene, die mit dem Fahrrad unterwegs sind.

 

Im Zusammenhang mit dem Pedestrian Safety Enhancement Act, das im Jahr 2010 bewilligt wurde, und vorsieht, dass die geräuschlosen Fahrzeuge, die ab 2020 verkauft werden, ein akustisches Fußgängerwarnsystem integrieren müssen, hatte ich ein Gespräch, das mich an Horsey Horseless erinnerte. Ein Vertreter von Audi sagte mir, das Automobil der Zukunft soll wie ein Raumschiff klingen. Nissan hatte zu dieser Zeit bereits eine Zusammenarbeit mit einem Studio in Hollywood begonnen. Marken, die mit dem klassischen Sound eines V8 Motors assoziiert werden, zum Beispiel Ferrari, suchten nach einer Formel, diesen Lärm zu replizieren. Andere strebten danach, die Geräusche der Formel 1 zu integrieren.

Deswegen begannen wir Sonic Movement, der Zusammenarbeit zwischen modernen Komponisten, Ingenieuren und Designern. Um die akustische Zukunft des Automobils zu erforschen und einen Dialog zu einem Thema zu provozieren, der das Leben von Milliarden Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen wird.

Wir wollten nicht zulassen, dass das Auto der Zukunft einen Klingelton hat, der in seiner Ideenlosigkeit dem ausgestopften Pferd auf einem Kasten mit Rädern entspricht.

In den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts verschwand das Pferd aus den modernen Städten und eine Kakophonie von explosiven Klängen erfüllte den urbanen Raum. Die wachsende Zahl von Zeitungsartikeln, Organisationen und Demonstrationen die den Autolärm kritisierten, führte dazu, dass die New Yorker Kommissarin für Gesundheit Shirley Wynne im Jahr 1929 eine Forschungsgruppe formierte, um die Lärmbelastung zu reduzieren.

Diese Gruppe von Wissenschaftlern - die mich persönlich mehr an Inspektor Clouseau aus Pink Panther, als an ein Forschungsprojekt erinnerten - brach zu Fuß auf, um die akustische Landschaft der Stadt zu studieren und politische Strategien zu entwickeln, um die Gesundheit der Stadtbewohner zu schützen. Nicht nur in New York, sondern auf der ganzen Welt.

 

Zufrieden mit den Berichten, die 1929 in der New York Times veröffentlicht wurden, durchkämmte dieselbe Lärmschutz-Kommission die Stadt für ein Jahr mit einem LKW, der mit einem anspruchsvollen Aufzeichnungsgerät ausgerüstet war, um die Lärmbelästigung an Baustellen, Hochbahnen und Verkehrsnadelöhren zu messen. Bedauerlicherweise, und trotz mehr als 10.000 dokumentierten Beobachtungen, wurde das Projekt als gescheitert erklärt, als der abschließende Bericht keinen Vorschlag mit strategischen Lösungen, sondern eine einfache Botschaft beinhaltete: „Wir glauben, dass nicht einmal ein brüllender bengalischer Tiger die Aufmerksamkeit der Fußgänger in unserer Stadt gewinnen kann."

 

Die besorgniserregende Lärmsituation verschlechterte sich mit der fortschreitenden Industrialisierung, die auf den Ersten Weltkrieg folgte. Die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft hatte im Fertigungsprozess die Auswirkung, dass Stadtplaner wie Robert Moses, der das Auto als Symbol der Modernisierung und des Fortschritts glorifizierte, unsere Städte mit der notwendigen Infrastruktur gestaltete, um den Millionen von Fahrzeugen Platz zu schaffen, welche die Automobilindustrie für den Markt geplant hatte.

Heute wissen wir, dass Lärm nicht der Klang des Fortschritts ist.

Im Gegenteil. Tatsächlich ist bei einem von fünfzig Fällen von Herzinfarkt die Lärmbelastung durch das Automobil die Ursache. Die Weltgesundheitsorganisation hält dieses Problem für die zweithäufigste Ursache für Krankheit in städtischen Gebieten. All das macht es uns einfach, das Elektroauto als neuen Helden zu verherrlichen. Ein Held, der kommt, um unsere Städte von seinem Vorgänger zu erlösen, von Rauch und Lärm. Mit einem Haar in der Suppe. Es bleibt die lebensgefährliche Stille, die eine Frage aufwirft, welche die Zukunft des urbanen Lebens definieren wird: Wie sollte ein Auto klingen, das keinen Ton hat?

 

Um möglichst viel Ruhe zu erhalten, haben wir für Sonic Movement mit der Komponistin Holly Herndon ein System entworfen, das durch direktionale Hupen nur mit den Verkehrsteilnehmern kommuniziert, die der Radar innerhalb der Risikozone erkennt. Gleichzeitig sollte der Ton, der in der Interaktion verwendet wird, der Umwelt nicht als Fremdkörper auferlegt wird, sondern als Teil dieser. Deswegen schlägt das Projekt vor, das bestehende akustische Panorama zu reflektieren, und mit einer einfachen Änderung der Frequenz Fußgänger in Gefahr zu warnen, ohne sie und andere zu stören.

Das Auto der Zukunft wird immer einen einzigartigen Sound haben. Er kann in Echtzeit, bestimmt durch das Klima, Menschen in kritischer Nähe und anderen lokalen Faktoren der Stadt, in dem es sich befindet, bestimmt werden. Ist es nicht sogar poetisch, sich ein Fahrzeug vorzustellen, das seine Umgebung als parametrische Referenz für seine Lärmemissionen berücksichtigt, und die Zukunft in einen Akt der Symphonie transformiert? Was mich darüber hinaus fasziniert, ist die Frage, wie das Internet an der Schnittstellte mit dem Auto unsere Sinne für die Stadt öffnen kann, um sie wahrzunehmen, wie wir es nie getan haben.

 

"Seit den Beschreibungen von Hernán Cortés", schreibt Nestor Garcia Canclini in seinem Buch Die Stadt der Reisenden, „seit den Chroniken von Humboldt, seit der cineastischen Ikonographie bis hin zu urbaner Musik und Graffiti; die materielle und symbolische Realität unserer Städte haben sich in ein kulturelles Erbe verwandelt." Die kollektive Wahrnehmung unserer Umwelt wird somit zu unserer Identität. Und unsere Mobilität ist der Zugang zu dieser Wahrnehmung.

 

Auf Reisen streifen wir durch Räume, die wir nur aus der Ferne kennen. Wir sehen sie durch die Vergänglichkeit der Windschutzscheibe des Fahrzeugs, das uns transportiert. Auf diesen Reisen interagieren wir mit einer Reihe von städtischen Imaginationen, mit der unaufhörlichen Explosion der menschlichen Hyperdichte, den vielen Schichten unserer Gesellschaft, Architektur, Unternehmen, Religionen und Unsicherheiten. Metropolen katapultieren uns über die physische und sichtbare Stadt, in eine Welt der Symbole, des Austauschs und der Phantasie. An den Kreuzungen von Autos und öffentlichen Verkehrsmitteln, LKWs und Fußgängern, treten viele dieser Begegnungen auf, welche gemeinsam die individuelle und kollektive Identität der Stadt ausmachen.

 

Wie kann das Auto als Interaktionspunkt zwischen der physischen Infrastruktur, den Informationsnetze und uns selbst funktionieren? Über die einfachen Bedürfnis der Mobilität hinaus: was kann dieser Weg unseren Sinnen anbieten? Baudelaires Flâneur war der emblematische Stadtwanderer der industriellen Revolution. Was könnte sein Äquivalent für das Informationszeitalter sein? Wie können uns die verschiedenen Transportsformen helfen, das Gefühl für den Ort wiederzugewinnen? Wie können Sie uns helfen, die Vielfalt städtischer Interpretationen zu verinnerlichen?

Claude Debussy, der durch die Klänge der neuen Welle der Industrialisierung spazierte, die aufder Exposition Universelle in Parisausgestellt wurden, schrieb 1889: "Das Jahrhundert von Flugzeugen verdient eine eigene Symphonie". In seiner Dankesrede für den Pritzker-Preis sprach sich Luis Barragan 1980 gegen das Verschwinden der sensorischen Werte in der Architektur, den Mangel an Aufmerksamkeit für Konzepte wie Wunder, Charme, Ruhe, Intimität, die Faszination und das Geheimnis aus. In einem Interview sagte Leonard Cohen einmal, dass er, wenn er seine Musik komponiert, an jemanden denkt, der um Mitternacht am Lenkrad seines Autos durch ein menschenleeres Los Angeles kreuzt.

Vielleicht verdient das Jahrhundert des Elektroautos auch seine eigene Symphonie?

Vielleicht können wir diesen Moment der Unsicherheit als Chance nutzen, die akustische Landschaft unserer Städte neu zu gestalten und die Reisenden wieder auf Faszination und Staunen zu polen? Vielleicht finden wir einen Weg, Symphonien zu erschaffen, die sich aus der Interaktion zwischen unserer Bewegung und der Stadt um uns herum ergeben?

 

 

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