Stadtgespräch

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer steht auch beim Hintergrundgespräch gern im Vordergrund. Das Village Voice Interview des Monats.

Andreas Scheuer, der Generalsekretär der CSU, empfängt uns in der Parteizentrale an der Nymphenburger Straße. Im obersten Stockwerk befindet sich ein kleines Museum: Das historische Arbeitszimmer von Franz Josef Strauß. Scheuer setzt sich an den Schreibtisch des Überlandesvaters und legt die Füße hoch. Er trägt Maßschuhe mit roten Sohlen. Hinter ihm an der Wand ein Kruzifix, signiert von Benedikt, dem bayerischen Papst.

Herr Scheuer, bereuen Sie Ihren Satz von dem menstruierenden Singhalesen, der Faustball spielt?

Angesprochen war ein ministrierender Fußballspieler aus dem Senegal.

 

Lassen wir die Details. Die Frage war: Bereuen Sie es, dass Ihnen der Satz vor laufender Kamera rausgerutscht ist?

Sie glauben, so ein Satz rutscht einem Profipoltiker einfach so raus, ja? Ich habe lange an dem Satz gefeilt, damit er spontan klingt. Aufmerksamkeitsökonomisch betrachtet war der Satz ein durchschlagender Erfolg. Ich sage Ihnen: Er wird in Erinnerung bleiben.

 

Genauso wie das diesjährige Oktoberfest. Fürs nächste Jahr ist sogar eine Mauer geplant.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten. Aber im Kampf gegen den islamistischen Terror muss man hin und wieder Grenzen ziehen. Zur Not eben auch mitten durchs bayerische Brauchtum.

 

Stimmt es, dass Sie auf betrunkene Kinder schießen lassen wollten, sobald sie versuchen würden, von der Festwiese zu flüchten?

Das ist so nicht ganz richtig.

 

Wovon träumen Sie als Politiker? Was ist ihr Ziel?

Ein eigenes Gesetz.

 

Ein eigenes Gesetz?

Mir schwebt so etwas wie Hartz vier vor. Den Namen Peter Hartz, den kriegen Sie nie wieder raus aus dem deutschen Sozialgesetzbuch. Wenn ein Gesetz nach einem benannt wird, dann ist das wie ein Denkmal.

 

Walter Riester hat das ja auch geschafft, mit seiner Riester-Rente.

Der hat sogar ein eigenes Verb in die deutschen Sprache gesetzt: riestern.

 

Wobei scheuern jetzt nicht so gut klingt. Wie steht es eigentlich um Ihr Ziel, Bundeskanzler zu werden?

Ich halte es wie Strauß: Mir ist es egal, wer unter mir Kanzler ist.

 

Andreas Scheuer, Jahrgang 1974, kommt nun so richtig in Fahrt. Jetzt ist der richtige Moment, eine brisante Frage zu stellen.

 

Wissen Sie schon, wer auf Horst Seehofer folgt?

Den freiwerdenden Posten wird entweder Markus Söder besetzen oder ich selbst. Zum jetztigen Zeitpunkt befinden wir uns allerdings noch im Stadium interner Verleumdungen, der Machtkampf ist also noch nicht entschieden. Ich bitte da noch um etwas Geduld.

 

Gegen Söder spräche seine fränkische Herkunft.

Sie sagen es. Nach Seehofer braucht Bayern wieder einen aus Bayern.

 

Seehofer kommt aus Ingolstadt. Gehört das schon zu Franken?

Das kommt auf den Einzelfall an. Aus meiner Sicht eindeutig ja.

 

Wie steht es eigentlich um den Filz in Bayern?

Der einzige Filz in Bayern ist der Bierfilz.

 

Vermissen Sie Freiherr zu Guttenberg? Sie waren ja eng befreundet.

Sind wir immer noch. Guttenberg und ich, wir sind so richtige Amigos.

 

Dem Vernehmen nach benutzen Sie beide das gleiche Haargel.

Sie sind gut informiert. Allerdings haben wir verabredet, über unsere Quelle stillschweigen zu bewahren. Ich könnte sie Ihnen nennen, aber nur unter drei.

 

Trotz seiner Frisur war Guttenberg volksnah. Sein Bild mit dem AC/DC Shirt ist Legende.

Ich wollte damals noch einen draufsetzen und bin zum Chiemsee Reggae Festival gefahren. Da stand ich dann mit meinem Hans-Söllner-Shirt und keiner hat mich fotografiert.

 

Wie haben Sie den Skandal um Guttenbergs Doktorarbeit erlebt?

Aus nächster Nähe. Ich habe alles versucht, aber er wollte nicht in der Politik bleiben.

 

Er wollte nicht bleiben? Er musste zurücktreten!

Sehen Sie: Praktisch jeder Politiker hat eine faule Doktorarbeit in der Schublade. Das ist unsere Exitstrategie. Sobald man aufhören möchte, kontaktiert man das Informationsamt der Bundesregierung, und die streuen dann die Plagiatsvorwürfe über eine der bekannten Webseiten.

 

Sie meinen Annette Schavan hat damals die Reißleine gezogen?

Natürlich.

 

Silvana Koch-Mehrin auch?

Aber ja.

 

Und Guttenberg tatsächlich auch?

Ja, leider.

 

Haben Sie nicht versucht, Guttenberg zum Bleiben zu überreden?

Ich habe das in langen Gesprächen versucht, ja. Aber er wollte unbedingt nach Amerika. Als Guttenberg weg war, ließ auch mein Interesse an der Politik nach. Also habe ich das Informationsamt angerufen. Die haben dann die Plagiatsstellen in meiner Doktorarbeit publik gemacht.

 

Aber Sie haben poltisch überlebt.

Das lag daran, dass ich keinen richtigen Doktor hatte, nur einen so einen halbseidenen "phDr" von der Universität Prag. Der Skandal hat also nicht richtig gezündet. Deswegen bin ich heute noch Generalsekretär. Außerdem: die Partei braucht mich.

 

Zur Bundespolitik: Wird Frau Dr. Merkel noch einmal antreten?

Verabredet ist, dass sie noch einmal zur Bundestagswahl antritt, sich zur Kanzlerin vereidigen lässt und kurz darauf ihre Doktorarbeit bei Vroniplag einreicht.

 

Entschuldigung, aber das klingt jetzt für uns ein wenig nach Verschwörungstheorie.

Dann halten Sie es bestimmt auch für einen Zufall, dass "Vroniplag" ausgerechnet nach Edmund Stoibers Tochter Veronika benannt ist. Aber warten Sie, ich möchte Ihnen was zeigen.

 

Der Generalsekretär ächzt sich aus dem Chefsessel von Franz Josef Strauß hoch, geht auf die Knie und stöbert in den unteren Schubladen herum.

 

Was suchen Sie?

Die gefälschte Doktorarbeit vom Strauß. Er hat sie ja nie gebraucht. Die muss irgendwo hier unten sein...

 

Herr Scheuer, Sie können doch nicht das Allerheiligste durchwühlen. Wenn jetzt einer reinkommt!

 

Die Tür zum historischen Büro öffnet sich. Seehofer, im Gesicht sein berühmtes Schmunzeln, kommt herein und greift Scheuer von hinten in den Schritt. Wortlos geht er wieder, weiter breit grinsend. Scheuer errötet leicht.

 

Er ist halt ein Star.

 

A rechter Hundling!

Sie sagen es. Wollen Sie jetzt noch die Doktorarbeit sehen?

 

Wir vertrauen Ihnen, Herr Generalsekretär. Und vielen Dank für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

Christian Gottwalt und Lukas Kubina