Stadtgespräch

Boris Becker, das As. Da schlägt er einfach auf der Wiesn auf. Das Village Voice Interview des Monats. 

Der letzte Abend auf der Wiesn. Die Zelte leeren sich, die Kapellen spielten ihr Servuspfüagottundaufwiedersehn. Nach Schankschluss der Zelte wollen alle, wirklich alle, noch auf eine Maß in Käfer's Wies'n Schänke. Jetzt gilt: In ist, wer drin ist! Die Lage an den Eingängen scheint aussichtsslos. Aber nicht für uns. Wir haben ein paar gebrauchte Bändchen. In der Menschentraube taucht neben uns immer wieder ein Kopf mit lila Haut und gelben Haaren auf. Der dazugehörige Körper tänzelt geschickt von einem Bein aufs andere.

 

Äh!

 

Jetzt will sich der Mann an uns vorbei kämpfen. Das können wir nicht zulassen. In so einer Situation kommt es ja auf jeden Zentimeter an. Der Mann drängt. Wir drängen zurück. Was glaubt der eigentlich, wer er ist? Da setzt er einen Return:

 

Wissen Sie eigentlich, wer ich bin?

Nein.

Ich bin einer der berühmtesten Leute auf der Erde, ja.

Nein!

Verdammt, ich bin Boris Becker und ich komme hier nicht rein.

 

Das haut uns jetzt echt um. Boris Becker! Boris sieht aber auch nicht wie Boris aus. Man muss ihn nur mal googlen. Mal wie Marlon Brando, mal wie Lapo Elkan, mal wie Michel aus Lönnerberga, der einen Pokal küsst. Dann wie Daniel Craig oder Diego Maradona in blond. Dann wieder wie Guido Cantz oder der junge Michael Douglas. Manchmal sieht er auch einfach nur aufgedunsen und fertig aus. So ein wandlungsfähiges Gesicht ist in echt echt nicht leicht zu erkennen.

 

Herr Becker, was machen Sie hier im Gedränge?

Ich wollte nur kurz pinkeln gehen, plötzlich stand ich draußen. Und jetzt kommm ich nicht mehr rein.

Sie haben sich auf dem Weg zur Toilette in der Tür geirrt?

Na ja, das kann ja wirklich mal passieren. 

Das war ja nicht das erste Mal...

 

Boris Becker überhört die peinliche Anspielung auf die Besenkammer-Affäre wie ein Gentleman. Um das sich anbahnende Interview nicht zu gefährden, bieten wir ihm Hilfe an.

 

Herr Becker, wir hätten da noch ein gebrauchtes Bändchen übrig.

Becker streckt uns seine Hand hin, und so fummeln wir tatsächlich am berühmtesten Tennisarm der Welt herum. Das Bändchen passt nicht über seine mächtige Pranke.

Vielleicht machen Sie mal eine Beckerfaust, dann wird es weiter.

Sie sind ein Witzbold.

 

Plötzlich öffnet sich die Tür einen Spaltbreit, und es spült uns mitsamt Boris Becker hinein. Und gleich noch ein Glücksfall: In der Freischankfläche wird eine Bank frei. Boris Becker wirft sich der Länge nach auf die Bank. Wenn das kein mustergültiger Becker-Hecht war!

 

Herr Becker, Sie haben es ja echt noch drauf!

Darauf trinken wir jetzt erst mal ein Bier.   

 

Wie ein Weltmann winkt Boris Becker eine Bedienung herbei.

 

Eine Runde Laternenmaß!

Bedienung: Gibt's ned.

Dann eine Runde Goaßnmaß!

Bedienung: Gibt's a ned. 

Bananenweizen?

Bedienung: Ihr kriegt drei Maß.

 

Als die Krüge auf dem Tisch stehen, nimmt Boris Becker einen tiefen Zug und macht danach ein langes "Äh".

 

Eine unglaubliche Lust. Eine Frau kann diese Befriedigung nicht geben. 

Und das sagt einer, der die Frauen wirklich kennt! Sie waren doch auch abseits des Center-Courts immer ein Becker-Hecht!

Ach, Jungs. Ich habe ehrlich keine Ahnung, was mich so sexy macht. Weder bin ich ein Adonis, noch ist mein Schniedel überdimensional.

Wie war ihr Verhältnis zu Steffi Graf?

Kurz.

Am Höhepunkt ihrer beider Karriere träumten ja Millionen Deutsche davon, dass Steffi und Boris auch abseits des Tennisplatzes...

Steffi stand ja total auf mich. 

Tatsächlich? Und warum ist es nichts geworden?

Sie war nicht so ganz mein Typ.

Wie muss denn Ihre Traumfrau aussehen – also rein optisch? Sind Sie da irgendwie fixiert?

Ich hab ihr dann auf einer Party den Andre Agassi vorgestellt. 

Michael Stich kam nicht infrage?

Der Kühlschrank aus Elmshorn? Auf gar keinen Fall. 

Wie haben Sie eigentlich damals Ihre Barbara kennengelernt?

Die hat der Andre Agassi mir vorgestellt. Er war ja sehr dankbar für Steffi. Andre hat meinen Drink genommen und mir stattdessen Barbara vor die Nase gestellt. Das hatte für uns beide ernsthafte Konsequenzen. Er war nach dieser Party mit Doping-Vorwürfen konfrontiert, ich mit Barbara.

Wie lernten Sie Sabrina Setlur kennen?

Auch über Andre.

Und Sandy Mayer Wölden?

Auch.

Und Lilly Becker?

Auch.

Und Angela Ermakova? 

Die natürlich nicht. Die ganze Geschichte mit der Besenkammer war so eine Win-Win-Idee eines PR-Agenten, die ein bisschen außer Kontrolle geraten ist. Um nicht zu sagen: komplett in die Hose. Eine unfassbare Story, ich erzähle sie euch gleich von Anfang an. Aber vorher muss ich noch kurz pinkeln.

 

Man sieht Becker geschmeidig zu einer Tür gehen, die wie ein Personaleingang aussieht. Möglicherweise geht es hier hinaus zur Schiffsschaukel. Doch wohin auch immer Becker ging, er kam nicht wieder. So konnten wir uns gar nicht bedanken für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

Von Christian Gottwalt und Lukas Kubina