Stadtgespräch

Soeben hat man beim „Rockavaria“ Iggy Pop den Sound abgedreht. Er singt noch ein bisschen weiter, aber keiner kann es mehr hören. Traurig, wie München mit dem Godfather of Punk umgeht. Es  wird still auf der Bühne im Olympiapark, doch Iggy Pop gibt nicht auf und zeigt einige Punk-Posen. Er tanzt weiter, so gut, wie es seine alten Beine hergeben. Die Haut über seinem hageren Oberkörper, wie immer unbekleidet, hängt schlaff herab wie ein zu weit geschnittener Cardigan. Es ist ein Trauerspiel. Endlich geht er von der Bühne.

Herr Pop, eine Frage!

No. 

Dann zwei?

Okay. Aber nicht hier.

Eine lässige Handbewegung – wir dürfen ihn Backstage begleiten! Erste Überraschung: Seine Künstlergarderobe ist total ordentlich. An einer Kleiderstange hängen etwa 25 Polo-Shirts, farblich sortiert, wie ein Regenbogen. Vorsichtig durchkämmen seine Finger die Kollektion – offenbar sucht er nach dem Farbton, der seiner Stimmung entspricht. Er wählt ein mauvefarbenes Polo von LaMartina, hängt es zurück und entscheidet sich dann doch für eines in gedecktem Grau von Gant.

Warum treten Sie eigentlich immer oben ohne auf?

Ich bin ein Wilder, ich bin ein Wilder, Uhh, Baby, ich bin ein Wilder. Ich bin ein richtig wildes Kind!

Was ist mit dem Missoni-Kleid da drüben?

I’m not ashamed to dresss like a woman, because I don’t think it's shameful to be a woman.

Herr Pop, wir müssen über das Thema Drogen sprechen.

Eines Nachts aus in L.A. Ich treffe eine Mexicana. Mit einer groben Freundin. Ich dachte, sie wäre ein Mann. Sie schleppten mich in eine Seitenstraße, um etwas zu quatschen. Danach war ich in einem schwarzen Auto. Mit meiner Mexicana. Sie hatte Meth, aber ich wollte Marijuana.

Wie ging es weiter?

Ich konnte nicht nach Hause fahren. Nicht in meinem Zustand. Also bat ich meinen Freund Matt, mein Auto zu starten. Im wilden Amerika. Die sind im Kern vergiftet. Die beurteilen einen Mann nach dem, was er besitzt. Sie wollen immer mehr und mehr. Mehr Macht, mehr Freiheit, größere Kinder, längere Leben, alles. Größere Häuser, Sklaven. Woa!

 

Er beruhigt sich wieder. Jetzt schaut er etwas verklärt.

Woran denken Sie gerade?

Ich will dein Hund sein.

Pardon?

Jetzt will ich dein Hund sein.

Okay. In den Siebziger Jahren lebten Sie mit David Bowie in Berlin. Der kürzlich verstorbene Sänger hat Ihnen ja mit dem Album „Iggy Stardust“ ein Denkmal gesetzt.

Ziggy. 

Oh, Danke, aber wir rauchen nicht. Haben Sie ein paar Berliner Ausgehtipps für die Leser von Village Voice auf Lager?

Ich bin ein Passagier. Und ich fahre und ich fahre. Ich fahre durch die Hinterhöfe der Stadt. Und ich singe:

La-la-la-la-la-la-la-la.

La-la-la-la-la-la-la-la.

La-la-la-la-la-la-la-la.

La-La.

Aber das Berghain soll doch ganz toll sein.

I hate that funking techno shit, hate, hate, hate! It’s all fake!

Erzählen Sie uns mehr von Ihrer Zeit mit Bowie in Berlin.

Als sie uns aus dem Sauerstoffzelt zogen, fragten wir nach der nächsten Party. Das war kein Rock’n’Roll, das war Völkermord.

Manch einer mag einwenden, dass Sie gelegentlich etwas zu viel trinken. Hat man als Popstar, der Pop heißt, nicht auch eine Vorbildfunktion für die Jugend?

Hey ho, let’s go! Hey ho, let’s go! Hey ho, let’s go!

Von welchem Getränk würden Sie einem Heranwachsenden abraten?

Eisgekühlter Bommerlunder, Bommerlunder eisgekühlt.

Dennoch möchten Jugendliche hin und wieder ihren Spaß haben. Geht das nicht auch ohne Alkohol?

Wir haben in Düsseldorf die längste Theke der Welt, jaja, jaja.

Sie kennen Düsseldorf?

Nicht nur. Zum Beispiel auch Detroit. Ich wohnte mit meiner Band „Die Stooges“ dort in einem Haus, wir nannten es Fun-House. Wir haben das Blut aus unseren Heroinspritzen an die Wände und gegen die Decke geschossen. Mit der Zeit hat sich das Gespritze zu einer Art Jackson Pollock akkumuliert. Ein echtes Meisterwerk.

 

Wo sind wir hier nur reingeraten. Wir müssen das Thema wechseln.

 

Sie mögen Kunst?

Fuck you. 

Herr Pop, Wir müssen jetzt wirklich von den Drogen weg.

Das versuche ICH ja schon seit Jahrzehnten.

Zurück zur Musik. Sie gelten als der „Pate des Punk.“ Ist Punk nicht tot?

Na ja, ich bin einfach nur ein moderner Typ. Natürlich hatte ich es davor im Ohr. Ich habe eine Lust aufs Leben, weil ich eine Lust aufs Leben habe. Ich habe eine Lust aufs Leben, Yeah, eine Lust aufs Leben.

 

Er geht kurz auf die Toilette. Schon wieder?

 

Sie waren ja ziemlich lang weg.

So oft benutze ich Toiletten nicht, um zu pinkeln. Meistens pinkle ich in meinen Garten, weil ich es mag, auf meinen Besitz zu pissen...

 

Bitte, nicht schon wieder eine Drogengeschichte.

...sie schaute mich penetrierend an. Ich denke, du kannst dir vorstellen, was als nächstes passiert ist.

Suchen Sie nicht eigentlich nach Vergebung, nach Läuterung?

Was hat Jesus Christus denn getan? Er hing einfach nur mit betrunkenen Fischern rum.

Im nächsten April werden sie 70 Jahre alt. Was bedeutet Zeit für Sie?

Zeit braucht eine Zigarette. Sie steckt sie dir in den Mund.

Das ist aber recht tiefgründig von Ihnen.

God shave the Queen. She ain’t no human being. Ich bin tiefgründiger als die Scheiße, in der ich stecke. Ach, scheiß drauf.

Vielleicht noch kurz ein Wort zur Politik. Wie haben Sie beim Brexit gestimmt?

Entschuldigung, ich bin Amerikaner.

Aber, äh: Blitzkrieg Pop?

Bop, du Schmock.

 

Der Rest ist Schweigen. Trotzdem vielen Dank für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

Von Christian Gottwalt und Lukas Kubina