Stadtgespräch

Wir müssen dringend etwas beichten: Ein geheimes Treffen mit Reinhard Kardinal Marx. Das Village Voice Interview des Monats

 

Vielleicht lag es daran, dass die "Village Voice" der Subkultur zuzurechnen ist, vielleicht auch an der inzwischen weithin bekannten kritischen Fragehaltung der Rubrik Stadtgespräch – jedenfalls wurde unsere Bitte um ein Interview mit Reinhard Kardinal Marx von der Kurie nicht erhört. Wir folgten daher der Empfehlung eines befreundeten Vikars, wonach der Kardinal an bestimmten Tagen im Liebfrauendom gewöhnlichen Gläubigen höchstselbst die Beichte abzunehmen pflegt. In so einer Situation, so das Kalkül, käme uns der Kardinal nicht aus. Die Tür zum Beichtstuhl knarzt beim Öffnen, drinnen riecht es, wie es riechen muss: nach heiligem Holz. 

 

Gott, der unser Herz erleuchtet...

 

Er ist es! Unverkennbar! Wie eigenartig, dieser sonoren Stimme, die spielend ein ganzes Kirchenschiff zu füllen vermag, dabei zuzuhören, wie sie sich Mühe gibt, zu flüstern.

 

...schenke dir wahre Erkenntnis deiner Sünden und seiner Barmherzigkeit.

 

Amen. Unsere letzte Beichte war, äh, vor 25 Jahren.

Das ist lange her.

 

In Demut und Reue bekennen wir unsere Sünden.

Was führt dich zu mir, mein Sohn?

 

Zunächst mal das Bekenntnis, aus der katholischen Kirche ausgetreten zu sein, vor langer Zeit schon.

Der Herr freut sich besonders über diejenigen, die er verloren glaubte.

 

Und noch ein Geständnis: Wir sind keine Sünder, zumindest nicht in erster Linie, wir sind von der berühmten Stadtzeitung "Village Voice" – und gekommen, um mit Ihnen ein Interview zu führen.

Sie wissen selbst, dass hier nicht der richtige Ort dafür ist.

 

Wir bereuen diese Idee auch, jetzt gerade, in diesem Moment.

Das ist schon mal gut, das mit der Reue.

 

Will heißen: wir machen das Interview?

Also gut, aber nicht länger, als eine normale Beichte dauern würde. Draußen warten Gläubige.

 

Wir sind ja auch nicht ungläubig. Nur halt nicht katholisch.

Das heißt, Sie haben auch eines dieser selbst zusammengezimmerten Glaubenssysteme, die gerade so modern sind?

 

Was spricht dagegen? Der Zimmermann aus Nazareth hat doch auch seine Religion selbst...

Wir nähern uns mit schnellen Schritten der Blasphemie. Fünf Vaterunser!

 

Bei diesem Interview ist Vorsicht geboten, sonst ist es schneller vorbei als man Amen sagen kann. Hier im Dom ist der Kardinal eindeutig der Herr im Haus.

 

Eure Heiligkeit!

Damit greifen Sie etwas zu hoch.

 

Exzellenz!

Eminenz. Einen Kardinal spricht man mit "Eure Eminenz" an. Aber wir sind hier im Beichtstuhl, nicht auf dem Staatsempfang.

 

Höchstwürden, glauben Sie an Seelenwanderung?

Ich glaube an die Unsterblichkeit der Seele. Weshalb fragen Sie?

 

Sie heißen Marx und das Buch, das Sie geschrieben haben, trägt den Titel "Das Kapital".

Das bleibt in Erinnerung, nicht wahr?

 

Es gibt noch mehr Überschneidungen zu Ihrem berühmten Namensvetter: Der Bart. Und auch Ihr Weltbild wäre ohne Engels nicht vollständig.

Wonach fragen Sie als nächstes? Nach den Marx Brothers?

 

Okay, das war nicht seine Art Humor. Wir drohen ihn zu verlieren. Es muss dringend mehr Ernsthaftigket in das Gespräch gebracht werden.

 

In Ihrem Buch kritisieren die Auswüchse des ungebremsten Kapitalismus und beziehen sich dabei ausdrücklich auf Karl Marx. Nun hat der aber auch Sätze geschrieben wie: "Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur. Das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes."

Ja doch, dieses Zitat kennt jeder. Ist es deshalb richtig? 

 

Und gleich noch ein Marx-Zitat zum Thema Religion hinterher: "Der christliche Sozialismus ist nur das Weihwasser, womit der Pfaffe den Ärger der Aristokraten einsegnet."

Seit den Zeiten von Karl Marx hat sich die Kirche verändert. Sie ist näher an die Menschen herangerückt. Das Kapital hat sich derweil von ihnen entfernt. Es ist unmenschlich geworden.

 

Sie haben es gewagt, Papst Benedikt zu kritisieren. In der Presse las man die Worte "pompös" und "Hofhaltung".

Papst Franziskus lebt mehr als bescheiden.

 

Aus Rom hieß es damals: „Man muss vorsichtig sein (...) wenn man dann selber mal die eigene Tür aufmacht." Können Sie die Tür zu Ihrem Palais guten Gewissens öffnen?

Meine Privatwohnung umfasst 70 Quadratmeter. Dann wohnen im Haus die Ordensschwestern und der Kaplan. Die anderen Räume werden dienstlich genutzt für das Sekretariat, Besprechungen und Begegnungen. Ich glaube, das kann ich gut vertreten.

 

Keine Beichte ohne das Thema Umweltsünde: Wie grün ist die katholische Kirche?

Der Wohlstand der Menschen beruht auch auf der nachhaltigen Zerstörung des Hauses der Schöpfung. Anstatt dankbar für die Natur zu sein, machen die Menschen sie kaputt.

 

Während der Flüchtlingskrise haben Sie auch Stellung bezogen.

Vor Flucht, Vertreibung und Leid kann ich nicht die Augen verschließen. Da muss ich noch nicht mal die christliche Nächstenliebe anführen.

 

Selbst wenn es Ermittlungen gegen Pfarrer gibt, die Kirchenasyl gewähren?

Wir sind der Auffassung, dass hier nichts Illegales geschieht. Wir haben die Gepflogenheit, dass niemand mit Gewalt abgeholt wird und wir werden weiter mit großer Verantwortlichkeit in den Pfarreien mit diesem Instrument umgehen.

 

Beim Thema Flüchtlinge legten Sie sich sogar mit der CSU an. 

Wie sie wissen, wartet die bayerische Staatsregierung noch immer auf die göttlichen Eingebungen, weil ihr Himmelsbote im Hofbräuhaus sitzt.

 

Ach ja, der Münchner im Himmel. Zefix Halleluja! Wussten Sie, dass Josef Ratzinger mit Zweitnamen Aloisius heißt?

Tatsächlich?

 

Wann ist es Zeit für einen Kardinal, sich einen Papstnamen zu überlegen? 

Wenn er erwählt wurde.

 

Falls Sie die nächste Stufe der Himmelsleiter erklimmen, könnten Sie sich Sixtus nennen. Sie wären dann Sixtus der Sechste.

 

Marx antwortet nicht. War das wieder zu witzig? Durch das Holzgitter ist ein leises Knuspern zu hören. Wir linsen vorsichtig durch die Stäbe. Sind das etwa Pringles? Nein. Das sind... Oh Gott! Das sind tatsächlich...

 

Eminenz gönnen sich einen Snack?

Mmmf.

 

Ist das Abendmahl nicht auf die Feier der heiligen Messe beschränkt?

Die Hostien hier sind noch nicht konsekriert.

 

Noch nicht was?

Sie befinden sich im Zustand vor der Transsubstantiation. Gewandelte Hostien, also den Leib Christi, bewahren wir im Tabernakel auf. Die hier sind aus der Vorratskammer der Sakristei.

 

Sehr nahrhaft sehen sie ohnehin nicht aus.

Es gibt hier im Dom aber nichts anderes.

 

Und zuhause?

Der erzbischöfliche Haushalt serviert gerade nur Kohlsuppe.

 

Diät?

Fastenzeit.

 

Wie wäre es mit Starkbier, wie einst bei den Mönchen?

Schon mal einen Ursupator zum Frühstück auf nüchternen Magen getrunken? Danach geht vielleicht noch ora, aber keinesfalls mehr labora. 

 

Der Geist bleibt willig, aber das Fleisch wird schwach.

Wenn wir Versuchungen hören, denken alle sogleich: Let's talk about sex. Aber der Teufel lauert hinter jeder Tür. Es gibt Versuchungen der Ehre, der Eitelkeiten. Der Teufel stellt sich ja nicht dumm an, er ist phantasievoll.

 

Zum Teufel mit dem Teufel!

Jetzt aber genug geplaudert. Wollen Sie vielleicht noch etwas beichten, wo Sie schon mal hier sind?

 

Mmmmh. Wir könnten bekennen, hin und wieder Cannabis zu konsumieren. 

Was versprechen Sie sich von der Flucht in die Droge?

 

Man kriegt davon unkeusche Gedanken. Und Munchies.

Was sind Munchies?

 

Fressattacken, wenn der Rausch nachlässt.

Also kommt zu Trägheit und Wollust noch die Völlerei dazu. Zeigen Sie wenigstens Reue?

 

Hinterher schon, ja, manchmal. 

Das ist ein Anfang.

 

Kriegt man vom Weihrauch eigentlich auch Munchies?

Lassen Sie uns das Gespräch an dieser Stelle langsam beenden. Beten Sie zur Buße zehn Vaterunser und zwanzig Ave Maria. Falls Sie noch wissen, wie das geht.

 

Zu Not googlen wir.

So spreche ich Dich los von Deinen Sünden. Gehe hin in Frieden.

 

Dank sei Gott dem Herrn. Und Dank sei Kardinal Marx für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Sünden.

 

von Christian Gottwalt und Lukas Kubina