STADTGESPRÄCH

Die Reise in die Schweiz gestaltete sich, wie üblich, schwierig. Den ICE nach Zürich bevölkerte ein Dutzend lärmende, Augustiner Bier trinkende, ausschließlich männliche Schüler. Für westliche Augen sehen ja alle Asiaten gleich aus, man verliert also leicht den Überblick, wer von ihnen sich eben ins Fauteuil übergeben hat. Interessanterweise hatten wir alle das gleiche Ziel: die Eliteschule Liebefeld-Steinhölzli. Wir hofften, dort Joao Micaelo sprechen zu können, den ehemaligen Sitznachbarn des amtierenden koreanischen Diktators Kim Jong Un, der an dieser Schule fast bis zur Matura studiert hat. Von dem Gespräch mit Kims Mitschüler erwarteten wir intime Einblicke in die Seele des derzeit nach Donald Trump meistverhassten Potentaten der Welt. Am Ziel angekommen, lungerten wir wie die Haschverkäufer vor dem Schultor herum und rauchten erst mal eine. Neben uns erscheint ein Koreaner und fragt nach Feuer. War der nicht gerade auch im ICE? Nein, die seltsame Frisur, dieser sehr moderne Undercut, wäre uns dann doch in Erinnerung geblieben.

 

 

Wie war der Sportunterricht?
Ich trage immer Trainingsanzüge, wenn ich in der Schweiz bin.

 

Adidas. Bisschen Oldschool?
Ja, alte Schule, odr.

 

Kannst du uns vielleicht helfen? Wir suchen einen Joao Micaelo.
Ou, den kenn ich. Aber der ist schon lang nicht mehr hier.

 

Bist du dir sicher?
Klar, des isch ja mei ehemaliger Schulfreund, odr?

 

Warst du etwa auch mit Kim Jong Un in der Klasse?
Da staunst du, odr? Mit der großen Sonne der Nation. Dem strahlenden Stern von Hanoi. Dem Sexiest Man Alive, wie die angesehene amerikanischen Zeitschrift “The Onion” schreibt. Ja, genau mit dem.

 

So weit wir wissen, trug die große Sonne der Nation auch immer Adidas-Anzüge, genau wie du.
Ja, des isch korrekt.

 

Sein Codename war angeblich Un Pak. Was hatte das zu bedeuten?
Ich spiele gern Pak Man und ich bin ein Un-Mensch, odr?

 

Warum sagst du “Ich”? Bist du, Entschuldung, sind Sie, äh, Majestät, sind Sie etwa...
Nein. Ich bin es nicht. Ich bin einer seiner Doppelgänger.

 

Puh. Äh – einer?
Ja, es gab drei von uns. Die große Sonne, Un Pak, Tu Pak, und Tetra Pak. Wir waren zu viert auf dem Zimmer. Natürlich durfte nur immer einer von uns raus.

 

Angeblich war Kim Jong Un süchtig nach Schweizer Käse.
Ja, auch wir Doppelgänger mussten die ganze Zeit den Käse essen. Appenzeller, Greyerzer, und, am schlimmsten, Raclette.

 

Der ganz Käse würde die Beleibtheit der großen Sonne erklären.
Was haben wir uns nach Un Pak Choi gesehnt! Aber das durften wir nur auf der Stube essen.

 

Private Frage: Ging die große Sonne auch mal aufs Klo?
Was ist denn das für eine Frage?

 

Sein Vater, Kim Yong Il, die noch größere Sonne, musste ja angeblich nie.
Die kleinere große Sonne natürlich auch nicht. Höchstens mal zum Schnubbeln.

 

Sensationell! Und der Käse wollte wirklich nicht wieder ans Tageslicht?
Ich muss nicht verdauen! Ich arbeite so hart, dass ich meine ganze Energie verbrenne und nichts ausscheiden muss, ODR!

 

Der Mann sagt tatsächlich schon wieder “ich”. Jösses! Sollte das tatsächlich Kim Jong Un sein, wäre dieses Gespräch nicht ungefährlich für Leib und Leben. Wir schauen uns konspirativ um – keine Leibwächter zu sehen.

 

Odr was?
Sie wissen immer noch nicht, wen Sie hier vor sich haben, odr?

 

Hochverehrter Kim Jon Un, Sie sprechen so ein gepflegtes Schwitzerdütsch. Haben sie in dieser Sprache eine Botschaft an Donald Trump, die er versteht?  
Du Gorilla Blauarsch, du bisch so en Mongo, ein Halbschueh, Höseler, Dammisiech, lass die Pfürzerei mit deim Militär. Sitz, du Sau!

 

Jösses! Wie wird Donald Trump auf solche Beschimpfungen reagieren?
Keine Ahnung. Normal red ich koreanisch und des versteht der eh nicht, odr?

 

Der Flugzeugträger vor der Küste stört sie gar nicht?
Amerika hat Donald Trump, wir haben Dennis Rodman.

 

Als Geisel?
Nein. Als Botschafter.

 

Das wird ja immer bunter! Spricht Dennis Rodman Schwyzzerditsch oder koreanisch? Könnte er nicht vermitteln und den drohenden Atomkrieg abwenden?
Dennis hat ein Basketballmatch in Korea organisiert. Mit zwanzig NBA-Allstars im Schlepptau. Nordkorea hat gewonnen, ist doch klar. Und er hat mir Happy Birthday gesungen, echt wahr, odr?

 

Herr Rodman bezeichnet sie als Freund des Lebens. Stimmt es, dass er Wetten annahm, ob der Papst nach Benedictus – Gott hab ihn selig, wir waren Papst – schwarz sein wird?
Erstens: Der neue Papst ist Südamerikaner, das mag als Zeichen unserer Allmacht genügen. Und zweitens: Dennis ist der Herr der Ringe, der beste Rebounder aller Zeiten. Das ist doch ein klares Signal an die USA, wo der Korb hängt, odr.

 

Bei Dennis?
Bei Franziskus.

 

Ach, diese blöde Papst-Geschichte. Das katholische Fass sollten wir jetzt echt nicht schon wieder aufmachen. Wenn der Mann tatsächlich der Potentat ist, für den wir ihn halten, müssen wir weltpolitische Fragen stellen. Die Leser erwarten das von uns.

 

Was sagt der Papst zu ihrem Atomprogramm?
Wir stellen gerade auf regenerative Raketen um.

 

Vorbildlich!

 

Leider unterbricht Kim an dieser Stelle das nette Gespräch und singt die nordkoreanische Nationalhymne.

 

Noch eine letzte Frage: Sind Sie jetzt Kim Jong Un oder einer seiner Doppelgänger?
Was spielt das denn für eine Rolle?

 

Die Leser der Village Voice haben ein Recht darauf, das zu erfahren!
LESER? Bisch du etwa ein Reporter?

 

Ähh, ja.
Dann sage ich dir: es spielt keine Rolle. Beziehungsweise verschmilzt ein Doppelgänger irgendwann spielerisch mit seiner Rolle. Meine Macht leuchtet jetzt genauso hell wie die der kleinen große Sonne. Eine Bewegung mit meinem kleinen linken Finger, und du Zeitungsmensch hier bist nur noch Pappmaché.

 

Das heißt, Sie haben die Macht, Todesurteile...
Ich kann jeden Mensch auf der ganzen Welt umbringen. Jeden, sag ich dir, odr? JEDEN! Na ja, außer mich selbst, das tät schon auffallen.

 

Kim Jong Un alias Tetra Pak summt wieder seine Nationalhymne.

 

Herr Kim? Herr Pak?

 

Er singt und summt und singt und summt. Und dann bohrt er mit dem linken kleinen Finger in der Nase. Herr Kim, danke für das Gespräch, an dem wie immer gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.
 
Christian Gottwalt und Lukas Kubina