Stadtgespräch

Vom Viktualienmarkt kommend durch den auf verzweifelte zwei Etagen geschrumpften Hugendubel mäandert, auf den Schreck einen Sekt bei Schwittenberg genommen und dem Buchhandel im Liebfrauendom eine Kerze angezündet, hernach beseelt und leicht beschwingt durch den Lodenfrey geirrt, einen Aperitivo in der Tagesbar genommen und schließlich via Stehausschank im Bratwurst Glöckl noch kurz auf einen Absacker im Literaturhaus aufgeschlagen. Herrje, unfassbar, der Hugendubel!

Wieso ist es denn hier so leer im Literaturhaus? Samstag Nachmittag um fünf, beste Sendezeit? Ach so, in Frankfurt ist gerade Buchmesse, kein Literat in der Stadt. Auch mal schön! Das Licht fällt sanft auf die Tische und in dem ganzen, monumentalen Café kommen auf jeden Gast zwei Kellner. Zu uns kommt erst mal keiner. Herr Ober, rufen wir durch den leeren Saal, noch zwei Helle!

Zwei Tische weiter blickt eine Rentnerin, ganz in schwarz gekleidet und mit einem ebenso schwarzen Bob mit hochgestufter Nackenparte, kurz von ihrer Lektüre auf – sie liest die Bunte – und rümpft erkennbar die Nase. Dann widmet sie sich wieder ihrem Heft. In der rechten Hand eine Schere, und mit der sticht sie jetzt mitten in eine Society-Reportage von Oliver Fritz hinein und schneidet sorgfältig das Wort “Weinstein” heraus.

Entschuldigung, Sie können hier doch nicht die Zeitschriften zerschneiden!

Die Frau blickt nicht einmal auf.

Das will vielleicht noch jemand lesen!

Keine Reaktion. Jetzt schneidet sie das Wort “Kalorienbombe” aus.

Hallo Sie da, haben Sie denn gar keinen Respekt vor der vierten Gewalt in diesem Lande?

Die renitente Rentnerin ignoriert uns weiter. Statt was zu sagen, ergreift sie einen Prittstift und klebt das Koppelwort “Alligator-Attacke” aufs Papier.

Endlich kommt der Kellner an den Tisch. Wo bleiben die zwei Bier?

Kellner: Dürfte ich Sie bitten, das Lokal zu verlassen?

Äh, warum?

Kellner: Sie belästigen hier die Gäste.

Die Rentnerin da?

Kellner, leicht empört: Die “Rentnerin”? Das ist die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller!

Wir, zum Kellner, konspirativ flüsternd:

Die klebt einen Erpresserbrief!

Kellner: Das ist Lyrik.

Ohne aufzuschauen beginnt die Frau, ihren Erpresserbrief laut vorzulesen:

Ich dachte, dass der Gelbfleck am Straßenende ein Bahnhof sei der wenn man Weg muss nie größer ist als der Pfiff im Laub plus minus die Nuss oder das Vogelei.

Da fällt uns jetzt erst mal gar nichts mehr ein. Nach einem Moment der Verwirrung wird uns klar: die ist komplett meschugge.

Verrückt ist sie auch noch!

Die Frau wendet sich an den Kellner, betont höflich:

Bringen Sie den Herren da noch zwei Weizenbiere auf meine Rechnung.

Dann, in unsere Richtung:

Wissen Sie, ich bin sehr auf Wörter fixiert. Ich kann nichts mehr lesen, ohne das Gefühl zu haben, dieses Wort brauche ich. Dann greife ich zur Schere. Ich zerstöre auch nur im Notfall Lesezirkel-Exemplare wie dieses. Gibt es hier irgendwo einen Baumarkt? Dort haben sie besonders dicke Kataloge, da sind unglaublich viele Wörter drin und schöne Farben.

Bitte entschuldigen Sie, hochverehrte Frau Müller, unseren derangierten Zustand, weil, Sie müssen verstehen, der Hugendubel, das war eine Institution in der Stadt, das ist doch eine Schande, den von fünf auf zwei Etagen, also quasi amputiert, die grünen Leseinseln dem Erdboden gleich gemacht, da stehen jetzt Lounge-Chairs, stellen sie sich das vor, und sie verkaufen im Parterre jetzt keine Bücher mehr, sondern Handyverträge, es ist zum Heulen, und dort, wo früher die Kochbücher waren, gibt es jetzt einen Deli mit Slowfood. Wir haben gerade eine Kerze im Dom, Sie wissen, ja echt, für die Literatur.

Es gibt Tage schwer wie Erde leer wie Wasser manche Leute saufen sich den Kapitän schön.  

Das haben Sie aber schön gesagt!

Plötzlich haben wir das Gefühl, verstanden zu werden.    

Wenn die FAHNEN wehen, rutscht DER Verstand in die Trompete.

Sie sagen es, Frau Müller, Sie sagen es! Herr Ober, noch ein Pikkolöchen auf den Nobelpreis!

Ich bin ja ein lustiger Mensch. Das kann ich in meinen anderen Büchern nicht ausleben, weil es dort nicht passt. Wenn ich über die Diktatur schreibe, vergeht mir das Lustige.

Da haben wir was gemeinsam. Wissen Sie, wir haben kürzlich ein interview mit Kim Jong Un, also mit einem seiner Doppelgänger... Na ja, das war auch nicht lustig.

Seufz. Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt.

Ja, wohl wahr. Warum sind Sie eigentlich nicht auf der Buchmesse?

Sie zieht wieder so einen Zettel mit ausgeschnittenen Wörtern hervor:

ICH gehöre daheim dorthin wo ich nicht bin und auch wäre wenn ich ANDERS zurückkehre zum BEISPIEL als Schnee oder Brombeere.

Ach so, verstehe. Sagen Sie mal, Sie als Nobelpreisträgerin, hätten Sie nicht etwas tun können gegen die vermaledeite Hugendubelmisere?

Nein, tut mir leid. Als öffentliche Person muss mich ausschließlich auf meine dramatische Lebensgeschichte konzentrieren. Privat hätte ich Ihnen natürlich gern geholfen. Es war nett, Sie kennenzulernen. Sprache ist die letzte Nahrung.

Herta Müller streift sich ihren vantaschwarzen Mantel über und verlässt das Literaturhaus laut murmelnd:

Der Himmel inszeniert die jüngste Flucht der Koffer nur aus Luft… Der leise Pfiff im Wind riskiert… dass aus der Etage der Anderen Welt demontiert bei uns im Dorf zu Boden fällt.

Danke, Frau Müller, für dieses Gespräch, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen. Während wir ihr das hinterherrufen, tritt der Kellner an den Tisch:

Und wer zahlt jetzt?

Äh? Ist denn noch was offen?

Eure zwei Bier. Und von der Dame insgesamt 15 Pikkolöchen.

Während der Kellner zur Kasse geht, schneiden wir hastig wertvolle Wörter aus der Illustrierten. Was Lieschen Müller kann, können wir schon lange. Eilig kleben wir mit den Schnipseln eine Collage und legen sie auf den Tisch, an dem die Literatin gerade saß:

“Das American Idol schmückt goldene Zierborten nachdem ein weiblicher Fan es übel verprügelte weil das Gewichts-Jojo mit aufgeregt wedelndem Schwanz wie besprochen zu einer Pinkel-Panne im Elysée-Palast führte.”

Schauns, Herr Ober, Frau Müller hat mit einer Collage bezahlt.

Von Christian Gottwalt und Lukas Kubina