Stadtgespräch

Im Fernbus auf dem Weg ins Ruhrgebiet ist nur noch die erste Sitzreihe frei. Nicht die allerbesten Plätze für so eine weite Ferienfahrt. Im letzten Moment steigt ein junger Mann zu und setzt sich direkt hinter den Fahrer, wo früher die Streber saßen. Er trägt sehr kurze Haare und ist offenkundig berühmt. Ist das etwa Justin Bieber? Er trägt rote Kopfhörer der Marke "beats". Wir spitzen die Ohren, um über den Gang hinweg zu erlauschen, was Justin Bieber hört. Eine Textzeile trägt es herüber: "Yeah, is it to late now to say sorry?" Der Song ist unverkennbar von Justin Bieber. Das ist ja eine lustige Geschichte: Justin Bieber hört Justin Bieber! 

Mr. Bieber, how about an interview with Village Voice?

Der Fernbus fährt in München-Schwabing auf die Autobahn und passiert die grellrot leuchtende Allianz Arena. Da passiert auch etwas im Gesicht des jungen Mannes. Es könnte leise Wehmut sein oder ein Anflug von Hochgefühl, so genau ist das nicht zu deuten. Hat der junge Mann einen Sieg errungen oder eine Niederlage erlitten? Plötzlich wechselt das Stadion seine Farbe. Für 30 Sekunden scheint es gelb, dann wird es wieder rot. Da fällt es uns wie Schuppen aus den Augen: Das ist nicht Justin Bieber. Das ist Mario Götze! Egal. Wir bitten ihn trotzdem um ein spontanes Interview.

Herr Götze, wir fahren nach Düsseldorf, weil Iggy Pop uns die Stadt kürzlich sehr ans Herz gelegt hat. Und Sie? Wohin fahren Sie?

Nach Dortmund.

Dann ist das hier ihr Transfer, von dem so viel in der Presse zu lesen war?

Das könnte man so sagen, ja.

In der Zeitung war von 25 Millionen Euro die Rede.

Wenn Sie bei Flixbus rechtzeitig buchen, kostet die Strecke 19 Euro.

Einfach?

Na ja, zurück muss ich ja nicht. 

Ach so. Ja, klar. Warum fahren Sie nicht mit dem Wagen?

Der vom FCB ist schon weg und der vom BVB noch nicht da.  

Und fliegen?

ICH BIN NICHT GEFLOGEN!

Bei Bayern fuhren Sie einen silbergrauen Audi RS18 mit mehr als 620 PS und zwei Turboladern. Was kommt bei Dortmund auf Sie zu? 

Opel Insignia.

Also zweite Liga.

Aber wo's langgeht, entscheide immer noch ich!

Sagt auch ihr alter Freund Rolls Reus.

Ich rolle mit meinem Besten.

 

Mario Götze strotzt vor Selbstbewusstsein. Von wegen Sensibelchen des deutschen Fußballs – der Mann ist ein Energiebündel!

 

Also vorwärts, Dortmund!

Ja, ich freue mich auf ein neues Kapital meiner Karriere.

Es scheint, als hätten Sie mit dem alten Kapital schon abgeschlossen. Was hat nicht gestimmt beim FC Bayern München?

Das Gefühl hat mir gefehlt, dieses menschliche Miteinander, dieses Wohlfühlen in einer Gruppe.

Aber war das nicht von vorneherein klar? Was hatten Sie dann in München verloren?

Drei Jahre meines Lebens. Ein Mario Götze muss kontinuierlich spielen. Ein Mario Götze sitzt nicht auf der Bank. Ein Mario Götze IST eine Bank. 

Genau!

Erinnern Sie sich an das WM Finale in Rio?

Ja.

An die Flanke von meinem Bro Schürrle?

Ja.

An das Siegtor in der hundertdreizehnten Minute?

Ja doch.

Und?

Ja, super. Wären Sie gerne auch bei der Olympiade in Rio dabei gewesen?

Mit mir hätte die deutsche Mannschaft Gold geholt!

In welcher Disziplin? Im Gehen?

Haha, wirklich sehr witzig.

 

Mario Götze blickt jetzt ein bisschen genervt. Kritische Fragen scheint er nicht gewohnt zu sein. Das liegt an den Sportreportern, die oft nur Stichwortgeber sind, besonders im Fernsehen. Als Journalist muss man seinen Interview-Partnern standhaft und herausfordernd gegenübertreten. Und nicht gleich den Schwanz einziehen, wenn ein Gespräch zu kippen droht. Ball flach halten? Von wegen: Angreifen!

Herr Götze! Ist es nicht in Wahrheit so: Der FC Bayern kauft Sie für 37 Millionen von Dortmund ab. Dann verdienen Sie in Bayern 12 Millionen Jahresgehalt. Macht weitere 36 Millionen. Dann sitzen Sie die ganze Zeit auf der Bank und schießen bloß 36 Tore. Und dann kauft sie der FC Dortmund zum Spottpreis von 25 Millionen zurück. Das klingt doch sehr nach einem abgekarteten Spiel.

Hä?

Nach einer Strategie. Einem taktischen Manöver. Von langer Hand geplant. Das stand doch schon vorher fest! Da steckt doch ein Plan dahinter! 

Thomas Tuchel...

Und jetzt bestimmt dasselbe Spiel wieder mit Mats Hummels!

Der Mats...

Der zieht doch sogar in ihre Wohnung ein!

Aber nur, weil...

Das zahlt doch alles der FC Dortmund!

Mario Götze setzt seine Kopfhörer wieder auf. Vielleicht ist er doch feinfühliger, als wir gedacht haben. Es ist wieder Justin Bieber zu hören. Diesmal singt Mario Götze singt die Zeilen laut mit. Er trifft jeden Ton, links wie rechts.

 

I hope I don't run out of time, could someone call a referee.

 

Das muss man doch verarbeiten, so einen Abschiedsschmerz!

Cause I just need one more shot at forgiveness.

Da muss man sich doch mal jemandem anvertrauen!

You know that there is no innocent one in this game.

Also, wenn Sie mal reden wollen, wir von der Village Voice sind immer für Sie da.

I'm sorry, yeah, sorry.

Wirklich, lieber Herr Götze! Aber trotzdem danke für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

Von Christian Gottwalt und Lukas Kubina