Patti
Smith

 

von Fiona Struengmann

Lebt nicht in jedem von uns ein Rock-Star? Irgendwo im Hinterkopf, in einer versteckten Kammer, die man ab und an aufmacht, um die vorgegebenen Konturen mit den Farben der eigenen Fantasie auszumalen?

Sei es die Bühne, die man betritt. Nebel und Rauch. Die Menge applaudiert. Das Instrument im Spotlight. Der Takt ist vorgegeben. Man taucht in die Hypnose und verlässt das Hier und Jetzt. Hüllt sich ein. In die Nostalgie und Verletzlichkeit, die man damals empfunden hat, als man die Melodien komponiert und die Texte geschrieben hat. Es waren die schwarz/weiß Zeiten.

Entweder die schweren, die gerade hinter einem liegen. In denen man Menschen, die man liebgewonnen hat, verlor, einem das Herz in zwei geteilt wurde. Oder anders herum - die Zeiten, in denen sich die Endorphine Tanzschuhe angezogen haben und sich die Welt von ihren schönsten Farben zeigte. In diesen Sphären - so stelle ich mir Patti Smith als Musikerin vor.

Nach dem Auftritt gibt man seine Unterschrift. Holt sich Streicheleinheiten von Fans ab, um die nächsten Tage, aufgetankt mit “Liebe”, auf Tour zu überstehen. In Trance. Über das Leben davor, den Weg zum ersten Schritt auf eine Bühne, darüber habe ich mir nie Gedanken gemacht. Es erschien mir, als gäbe es nur Umrisse auf einem weißen Blatt Papier. Dies sollte sich ändern, als ich anfing das Buch “Just Kids” von Patti Smith zu lesen. Sie nimmt einen an der Hand und lädt ein, an ihrem Leben teilzunehmen. Man findet sich in den 70iger Jahren auf den Straßen von New York wieder. Getrieben vom Wunsch Künstlerin zu werden - radikal und kompromisslos. Und ihrer enge Freundschaft zu dem Künstler und Fotografen Robert Mapplethorpe.

 

Fiona Struengmann, Untitled, aus der Serie "Dialogue" (2017).

Überhaupt: das gemeinsame Erwachsenwerden mit ihm! Sich gegenseitig die Freiheiten zu geben um kreativ zu wachsen aber trotzdem füreinander da zu sein. Wenn der Andere gefallen ist. Es sind nicht ihre Stärken, es sind ihre Schwächen, die Patti Smith trotz der Rock’n Roll Hülle so menschlich, zugänglich und sympathisch machen. Die ersten Schritte Richtung Bühne - hier lernt man sie kennen und kann ihre Welt danach ein wenig besser verstehen.

“People come to New York to become stars - but there ain’t any stars in the sky”, so Patti. Ihr Umfeld war zwar gespickt mit vielen leuchtenden Sternen am Himmel, nur konnte man das damals kaum erkennen: Janis Joplin, Eric Andersen, Bob Dylan, Leonard Cohen, Sam Shepard - alle hingen sie unter dem gleichen “Himmelsdach“. In diesem Fall das Chelsea Hotel. Da, wo alles begann und Patti Smith unsere Hand wieder loslässt. Für mich war es mehr als eine Hand, die Patti Smith in ihren Erzählungen über ihr Leben ausgestreckt hat. Sie reicht einem einen Kasten mit bunten Malstiften, mit denen ich endlich das weiße Blatt mit Umrissen ausmalen konnte. Mahlen nach „Zahlen“. Den Rest überlasse ich den Farben der eigenen Fantasie. Denn, so Patti Smith: “If you feel good about who you are inside, you will radiate.”