Paul
Smith,
der englische Modemaker,
sieht nur noch Streifen.

Das Village Voice Interview des Monats.

Es gibt nichts Schöneres, als am späten Freitagvormittag die Woche im Hofbräuhaus ausklingen zu lassen. Weil Fastenzeit ist, bestellen wir etwas Saisonales. Also, zu den zwoa Maß vom Urbock noch was dazu. “Das älteste Bockbier Münchens” steht auf der Karte. Gar schön frisch schmeckt es.

Kellnerin: Und no zwoarama die Brotsupp’n.

Das ist die Fastenspezialität des Hauses: Die „Bayerische Brotsuppe”. Ein Zwiebelsud mit gerösteten Schwarzbrotkracherln. Ein „Arme Leut Essen“. Jedenfalls kracht hernach der Urbock besonders stark. Kaum sind wir am löffeln, tritt ein Herr an unseren Tisch.

Is here nock frey?

Herrje, ein Engländer.

Of course, Sir, please, sit down.

Kaum haben wir das gesagt, winkt der Engländer seine aus fünf blassen Briten bestehende Entourage heran. Alle tragen authentische Lederhosen. Allerdings mit einem verstörenden Detail: Statt karierter Hemden ist Alles seltsam gestreift. Wir rufen ein fröhliches

Howdy!

in die Runde. Sechs Kehlen rufen

Howdy!

zurück. Ach, so leicht geht Völkerverständigung. Ja, trotz Blitzkrieg und Brexit und dem ganzen Scheiß. Auf unsere Empfehlung hin haben die Sechs ebenfalls Bock. Die Kellnerin kommt, stellt alles hin und genau im richtigen Moment spielt die Kapelle ein Prosit.

How would you explain it to an Englishman, this Gemutlikheit?

Sie müssen das anders aussprechen. Ungefähr so: gay meet lick kite.

Der Engländer macht ein sehr britisches Gesicht.

Stimmt was nicht?

Er hebt seinen Krug. Mit abgespreitzem Finger. Während er trinkt, raunt einer aus der Gruppe: Hey, that’s Paul Smith. Als müsste man ihn kennen... Diskret checken wir Wikipedia. Auf dem Handy öffnet sich eine Übersichtsseite, mit einer langen Liste. Später, bei der Abschrift des Interviews, zählen wir durch: Wikipedia hat nicht weniger als 58 Paul Smiths im Angebot, darunter acht Fußball-, vier Football- und drei Cricketspieler.

Treiben Sie Sport?

Lange her.

Fußball?

Nein.

Tennis?

Verwechseln Sie mich jetzt mit Stan Smith?

Ah, jetzt, Schuppen von den Augen: Sie sind Radrennfahrer! Wir hatten mal ein Radtrikot mit Paul Smith drauf. Radrennen, das wars, Rad!

Fast. Mein Vater hat mir ein Rennrad besorgt und ich bin zwischen 12 und 18 nur Wettbewerbe gefahren. Eines Tages sah ich auf dem Rad besonders gut aus. Ich trug eine Brille von Buddy Holly mit einem großen, dicken Rahmen.

Und dann?

Dann bin ich mit einem Auto zusammengekracht und lag anschließend drei Monate im Krankenhaus. Mein Oberschenkelknochen war gebrochen, das Knie, das Schlüsselbein, die Rippen, die Nase, mehrere Finger.

Und dann?

Der Unfall war ein Wendepunkt in meinem Leben. Zuvor bin ich pro Woche rund 560 Kilometer geradelt. Und nun lag ich in diesem Bett und konnte nur noch daliegen.

Ja, do legst di nieder! Na ja, das sagt man hier so, wenn einer so eine Geschichte erzählt.

Es war nicht leicht. Während meiner Zeit im Krankenhaus sind 16 Menschen auf der Station gestorben. Aber ich war schon immer mit einer großen Lebensfreude gesegnet. Außerdem kann ich Menschen zum Lachen bringen. Beides hat mir sehr geholfen.

Und dann?

Zwei meiner Bettnachbarn sind zufällig zur gleichen Zeit wie ich entlassen worden, und sie haben mich in ein Pub geschleppt, in dem sich Kunststudenten trafen.

Und dann?

Dort wurde über Warhol geredet, über Pop-Art und Kandinsky. Alles Sachen, von denen ich zuvor nie gehört hatte. Ich habe diese Welt der Kreativen durch Zufall kennengelernt, aber ich wusste schnell: Da will ich rein.

Also Kunstmaler?

Modemacher.

Aha.

Das kommt jetzt, also in dem Moment hier, ein bisschen unspektakulär daher. Ein Modemacher.

Und? Was sind die Farben der Saison?

Mr. Smith schaut ein wenig pikiert.

Also, wenn ich mir Ihre Hemden hier so ansehe, haha, dann würde ich sagen: gestreift.

Mein Markenzeichen.

Ah, so wie bei Adidas?

Ungefähr so, ja.

Und, wie läuft das Business so? Machen Sie hier einen Betriebsausflug?

Die Jungs hier am table sind meine new business unit, wir haben heute die Verträge für unseren neuen Store here in München unterzeichnet. War nicht leicht, auf der Maximilianstraße was zu bekommen. Ab Spring/Summer 19 geht’s loose!

Cool.

Seine Entourage tanzt inzwischen auf dem Tisch. Sie bejubeln ihren “Location Check”. Herzlich ruppig zupfen Sie ihren Chef an die Schulter und versuchen, ihn hochzuzerren.

Mr. Smith, Sie scheinen ja ein verdammt beliebter Boss zu sein.

Ist das Ihr Eindruck? Ach, warum eigentlich so überrascht tun? Sie haben wohl recht. Bei uns gibt es keine Grenzen und keine Stars, nur Kollegen, Streifen und Bier.

Ne, im Ernst, Paul, du bist ein super Boss. Das sag ich dir jetzt echt. Wie wird denn dein Shop hier in München so?

Weiß noch nicht. Alle meine Stores sind unterschiedlich, keiner gleicht dem anderen. Was so wichtig ist in dieser homogenisierten Welt!

Homogenisiert kennt man ja von der Vollmilch.

Die Blasmusik spielt auf. Paul Smith hakt sich unter und schunkelt.

Sie mögen Blasmusik?

Im Büro höre ich jeden Morgen Musik. Zwischen 6 und 8 in der Früh, bevor die anderen kommen. Manchmal David Bowie, oft bayerische Märsche.

Ja sowas! Finden Sie so zu ihrer Inspiration?

You can find inspiration in anything - and if you can't, look again.

So wie du aussiehst, bist du ein Kind der Sixties. Wie hast du die Sechziger in London erlebt?

Well, in Frankreich zündeten sie die Autos an. In England war es eher so, dass wir uns gefragt haben, ob wir den Vorhang da an der Wand nicht einfach anziehen sollten.

Herrlich, dieser britische Humor. Gerne mehr davon, Mr. Paul Smith. Unvermittelt weht vom Nebentisch ein übler Dunst herüber.

Finden Sie nicht auch, dass es hier stinkt?

Das ist der Afghane.

Also hier kifft garantiert keiner.

Ich meine den Hund da. Lange Nase, langes Fell. Der erinnert mich an unsere zwei Hunde. Oh, wie die stanken. Einen nannten wir Manager. In Wirklichkeit war er mein Doppelgänger. Der Afghane und ich, wir sahen uns zum Verwechseln ähnlich.

Zurück zum Kiffen.

I met Bob Marley once in Island Studios in Portobello Road in London. And he was very cool! And relaxed. He didn’t say a lot.

Sir Pauli, die entscheidende Frage: Trinken Sie lieber mit der Queen Tee oder mit dem Hausmeister ein Bier?

Ich mag an beidem das Gefühl der angenehmen Taubheit. Genau wie in meinem Rücken.

Wer heute an englischen Stil denkt, dem kommen Skepta und Track-Suits. Anzüge sind doch eigentlich total aus der Mode, oder? Donzo! Kaputt!

That’s bollocks! Sir, I’m sorry to say, the conversation will end at that point. We have to leave now. But, tell us: what next step would you recommend for a crowd like us?

I would recommend the Hofbräuhaus, but you are already here. So, äh, äh, äh... Also, wenn ich du wäre, Paul, dann würd’ ich jetzt ins Paulaner.

That sounds nice!

Yes, indeed.

Sankt Pauli und seine Truppe verlassen uns. Und wir, wir bestellen no oana und no oane und no oane – und da sitzen wir heit no. Und die blöde Village Voice, die kann warten auf das Stadtgespräch. Dem Paul, dem rufen wir noch ein Danke hinterher, ein Danke für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

 

von Christian Gottwalt und Lukas Kubina