STADTGESPRÄCH

Unser syrischer Freund S., ein bekennender linksradikaler Berufsdemonstrant mit internationaler Erfahrung, bat uns kürzlich, einen Job für ihn zu übernehmen. Ob wir nicht während der beiden Abende der Münchner Sicherheitskonferenz an der Bar des Trader Vic's aushelfen könnten? Selbstverständlich sagten wir ihm solidarisch jede Unterstützung zu, und so fanden wir uns zwei Tage später hinter dem Tresen der berühmten Tikibar im Untergeschoss des Bayerischen Hofs wieder. Es ist nachts um zwei und wegen der Sperrzone um den Tagungsort ist absolut nichts los in dem Laden. Plötzlich betritt der erste Gast die Bar. Ein mächtiger Mann. Mächtig nicht nur, was die Statur angeht, sondern im Wortsinne: richtig, wirklich mächtig, wie sich gleich herausstellen sollte. Er setzt sich an die Bar.

Guten Abend!

 

Der Mann nickt, sagt aber nichts. Wir werfen einen verstohlenen Blick auf Konferenzteilnehmerschild das ihm, wie bei jedem Messebesucher, um den Hals hängt. Sergei Lawrow. Lawrow? Kurzes, verstohlenes googeln: Der Chefdiplomat der russischen Föderation! Seit 13 Jahren Außenminister. Es reizt, ein Interview für die Village Voice zu führen, aber das wagen wir natürlich nicht. Wir bleiben inoffiziell. Das Verhältnis zwischen Barmann und Bargast impliziert Vetrauen. Da wir uns in einer polynesischen Bar mit lustigen Korbstühlen befinden, ist eine hawaiianische Begrüßung geboten:

 

Aloha!

 

Lawrow antwortet mit einem Brummen. Dann schaut er uns tief in die Augen:

 

Baajjaveri reygande. Ahannah menu balaalevidhaanetha?

 

Sorry, Sir?

Guten Abend. Darf ich einen Blick in die Karte werfen? Das war Dhivehi, die Amtssprache der Malediven.

 

Sie sprechen Maledivisch?

Ja. Und Singhalesisch. Die Sprache wurde mir in der Sowjetunion als junger Student zugeteilt.

 

Was darf ich Ihnen zuteilen?

Empfehlen Sie mir was.

 

Kurzer Blick auf die Karte – mal gucken, was im Trader Vic's so im Angebot ist.

 

Es gibt Tiki Puka Puka, Moloka Mike oder einen Gun Club.

 

Wieder das Brummen.

 

Suffering Bastard?

Chören Sie auf, mich zu beleidigen.

 

Dann vielleicht doch was Klassisches? Einen Cuba Libre?

Njet.

 

Einen Krimsekt?

Njet.

 

Langsam wird klar, weshalb man Lawrow in Diplomatenkreisen "Mister Njet" nennt.Er verzieht das Gesicht und macht eine Handbewegung, die man mit etwas gutem Willen zumindest als nicht ablehnende Zustimmung deuten könnte. Diplomat halt. Also: Krimsekt. Fünf Minuten ausgiebige Suche in den Kühlschubladen – jede Menge Schampus, aber kein Krimsekt. Verdammt, zuviel versprochen.

 

Darf es auch Rotkäppchen sein?

Bringen sie mir Vodka.

 

Gorbatschow?

Ich sitze nicht hier, um über Politik zu reden.

 

Absolut!

Auch nicht über Schweden. Geben Sie mir einen Russki Standard.

 

Auf Eis?

Mit Wasser.

 

Endlich! Das Eis ist gebrochen.

 

Und? Wie gefällt Ihnen München?

Ich habe in meiner Karriere 136 Länder bereist. Flughafen, Limousine, Tagungsort, Limousine, Flughafen. In meinem Beruf sieht man nur wenig von den Städten.

 

Aber ein bisschen von der Kultur bekommt man doch mit, oder nicht?

Ja, wie neulich auf den Fidji Inseln. Beim Begrüßungsritual stand ich im Bastrock herum. Das russische Fernsehen hat das gesendet. Allerdings nur einmal.

 

Wollen wir ein wenig über Politik reden?

Chören Sie auf. Ich habe keine politische Meinung. Ich bin Berufsdiplomat. Wenn ich überhaupt Überzeugungen hätte, dann spielen sie keine Rolle. Ich mache, was man mir sagt. Wenn die Beziehungen zum Westen verbessert werden sollen, verbessere ich sie. Wenn sie verschlechtert werden sollen, verschlechtere ich sie. So und jetzt schenken Sie nach! Und, überhaupt, trinken Sie mit mir!

 

Ich soll mit Ihnen trinken?

Es ist ja sonst keiner da. Schenken Sie nach!

 

Das geht, man ahnt es, es, mehrmals so. Bereits bei Runde sieben wird das Bonnieren vergessen, scheiß drauf.

 

Wir wärs jetzt mit einem Kosakenkaffee? Kennen Sie die Werbung? Komm, Briederchen, trink mit mir, Kosakenkaffee!

Chören Sie mit Ihren Witzen auf.

 

Njet! Was ist der Unterschied zwischen einer Hochzeit und einer Beerdigung in Russland?

Sagen Sie es mir.

 

Auf der Beerdigung ist ein Besoffener weniger.

HAHAHAHAHA!

 

Er lacht, wie nur ein russischer Bär lachen kann.

 

Und jetzt Sie!

Okay. Wie nennt man einen Russischen Baum?

 

Sagen Sie es!

Dimitree.

 

HAHAHA!

Waren Sie schon mal in Russland?

 

Ich nicht, aber mein Opa.

Und? Hat's ihm gefallen?

 

Er musste etwas länger bleiben als geplant.

In Russland gehen die Uhren anders. Wir sollten singen. Bei uns singt man.

 

Kalinka, kalinka, kalinka, mo ja!

Chalten Sie die Klappe! Kennen Sie nichts anderes?

 

Moskau, Moskau, wirf die Gläser an die Wand, Russland ist ein schönes Land, hahaha, hey!

Ahh! Das ist schon besser.

 

Noch ’nen Diplomatenwitz: Hättn Se'nen Sicherheitsrat für uns?

Saufen Sie nicht so viel. Sie vertragen es nicht.

 

Danke, Sergei Wiktorowitsch Lawrow für das Interview, an dem mal wieder gar nichts stimmte, nicht mal die Fragen.

Christian Gottwalt und Lukas Kubina